hifi tunes: Interview mit Reinhard Wieschhoff-van Rijn

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Interview mit Reinhard Wieschhoff-van Rijn

Ein Besuch beim Entwickler des Klein + Hummel FM 2002

hifi tunes: Sie haben mit dem Klein + Hummel FM 2002 einen Klassiker unter den Top-Tunern entwickelt. Wie kamen Sie zu dieser Aufgabe?

Reinhard Wieschhoff: Ich ging 1973 von Fisher Radio in New York zu Klein + Hummel, zuerst als Entwicklungsingenieur, später war ich dann Entwicklungsleiter. Im Grunde war der FM 2002 so eine Art Steckenpferd von Herrn Hummel, der sich sehr für HiFi interessierte, obwohl die Firma eigentlich davon lebte, Studio-Geräte und Studio-Lautsprecher herzustellen. Eine Orientierungsmarke bei der Entwicklung des FM 2002 war der Revox A 76. Dessen Empfangseigenschaften und Klang wollten wir mindestens erreichen. Wir haben den Revox dann doch ziemlich klar übertroffen. Auch an anderen Top-Tunern, zum Beispiel dem Marantz 10 B, dem wohl besten Röhren-Tuner, haben wir uns orientiert.

ht: Wie lange dauerte die Entwicklung des FM 2002?

RW: Von 1973 bis 1976. Die Produktion lief dann bis 1981; da existierte schon eine Vorentwicklung für den Nachfolger.

ht: Wieviele Exemplare vom FM 2002 wurden eigentlich gebaut?

RW: Rund 850 Stück. Der Listenpreis betrug anfangs 2800 DM, aber es hatte bei der Entwicklung gar keine festen Vorgaben in dem Sinne gegeben, dass ein bestimmter Verkaufspreis anzupeilen gewesen wäre. Klar, der FM 2002 sollte am Ende nicht 10000 DM kosten, aber im Grunde hatte ich freie Hand, zum Beispiel bei der Auswahl von Bauteilen. Da konnte ich auf Qualität achten und musste nicht auf den Pfennig gucken.Übrigens glaube ich, dass nur wenige Firmen, die absolute Top-Tuner herstellten, mit diesen Geräten jemals wirklich Geld verdient haben. Die großen Tuner-Flagschiffe waren meistens Prestige-Projekte, hinter denen die Firmeneigner selbst standen, wie Saul Marantz oder Richard Sequerra oder im Falle des FM 2002 eben Herr Hummel. Herr Klein von Klein + Hummel stand übrigens weniger hinter dem FM 2002; er war mehr der Kaufmann.

ht: Warum betont die Bedienungsanleitung, dass der FM 2002 Kabellängen von bis zu 100 m treiben kann?

RW: Vielleicht ein Zugeständnis an die Studio-Szene, die von Klein + Hummel mit anderen Geräten bedient wurde, und darum wohl auch ein wenig auch eine Werbeaussage. Im Privathaushalt war das sicher nicht so relevant … Aber dass es an den NF-Ausgängen des FM 2002 auch bei längeren Kabeln zu keinem Höhenabfall kommt, davon profitiert die Wiedergabe natürlich ganz allgemein.

ht: Eignen sich Spitzen-Tuner wie der FM 2002 eigentlich auch für Kabelempfang?

RW: Der FM 2002 hat jedenfalls keine Probleme mit großen Signalpegeln. Aber leider ist das Kabelsignal selbst eines Top-Tuners manchmal nicht würdig. Mit einem Top-Tuner testen Sie im Grunde die Empfangsanlage, von der aus das Signal ins Kabel eingespeist wird. Wo immer es geht, empfehle ich darum, eine Mehrelemente-Antenne auf dem Dach zu installieren, und wo nicht, da kann eine Zimmerantenne allemal eine passable Lösung darstellen. Ein FM 2002 im Betrieb an einem einfachen Dipol, das wäre aber schon ein ziemliches Missverhältnis. Im Vergleich zu Zimmerantennen hat man mit einer Mehrelemente-Antenne auf dem Dach in der Regel geringere Reflexionen und Multipath-Probleme, stabilere Empfangsverhältnisse und ein besseres Signal-/Rauschverhältnis, vor allem einen rauschärmeren Stereo-Empfang. Aber schon ein einfacher, beispielsweise auf dem Balkon aufgespannter Dipol ist dem Kabelsignal in vielen Fällen überlegen.

ht: Was kann man zum Front-End des FM 2002 sagen?

RW: Es wurde von mir entwickelt und bei Alps gebaut. Vor den Abstimmkreisen befindet sich eine automatische Verstärkungsregelung mit Signalabschwächung. Der Dynamik-Bereich an den Antenneneingängen beträgt 140 dB. Den Ausgang der Mischstufe haben wir auf beste Linearität hin entwickelt. In der HF-Stufe kommen drei Sechspolfilter von Toko zum Einsatz – im Grunde eine Weiterentwicklung eines Projekts für Fisher Radio.

ht: Und die Stereo-Decoder-Stufe?

RW: Der FM 2002 besitzt einen integrierten Stereo-Decoder mit einer Reihe von zusätzlichen Eingangs- und Ausgangsfiltern. Diesen Stereo-Decoder haben wir wegen seiner niedrigen Verzerrungen ausgewählt. In ihm arbeitet eine Sonderversion von Motorola-ICs. Zusätzlich wurde bei Klein + Hummel noch selektiert. Außerdem hat der Tuner eine ausgeklügelte Muting-Schaltung. Von Avery Fisher hatte ich nämlich gelernt, dass ein Gerät in zwei Bereichen perfekt sein muss: Bei allem, was der Kunde sieht, und bei allem, was der Kunde hört. Beim Suchen eines Senders am FM 2002 werden Sie fast keine Nebengeräusche hören. Auch andere Features wie die automatische Umstellung von Stereo auf Mono in Abhängigkeit von der Signalqualität funktionieren im Hintergrund vollkommen reibungslos.

ht: Warum besitzt der FM 2002 eine Anschlussmöglichkeit für einen Oszillographen?

RW: Der Oszi-Anschluss ist beim Ausrichten einer Antenne nützlich, wendet sich allerdings tatsächlich eher an den Fachmann als an Privatanwender. Außerdem kann man den Sendern damit ein wenig auf den Zahn fühlen: Wer sendet ein dynamikkomprimiertes Signal mit hohem Pegel? Bei welchen Sendern bekommt man noch mit der Musik und ihrer Lautstärke “atmende” Bilder auf dem Schirm zu sehen? Das ist sehr aufschlussreich!

ht: Wie sind denn die Empfangsverhältnisse? Haben sie sich seit der Entwicklung des FM 2002 durch Mobilfunk und Elektrosmog verschlechtert?

RW: Auf den UKW-Empfang haben Mobilfunk und Elektrosmog keinen großen Einfluss. Allerdings ist mittlerweile der gesamte UKW-Frequenzbereich mit Sendern zugepflastert. Umso wichtiger ist ein Tuner mit gutem Empfang und guter Trennschärfe. Dann kann man sich auf der Empfangsskala ein paar gute Sender heraussuchen und über die Mehrheit einfach hinweg gehen. Ich höre hier in Rambouillet rund fünf Sender regelmäßig, zum Beispiel France Inter, France Culture und France Musique. Vorige Woche war ich in der Gegend um Köln, da habe ich WDR 3 und WDR 5 gehört, aber auch einen guten belgischen Klassik-Sender gefunden. Seriöse Sender mit einem guten Programmangebot und wenig oder gar keiner Werbung gibt es nach wie vor. Ich mag gerne Jazz und noch lieber Klassik – diese Musikrichtungen finde ich im Radio auch nach wie vor in guter Sendequalität.

ht: Welche “klassischen” Tuner außer dem FM 2002 können Sie noch empfehlen?

RW: Es hat während der siebziger Jahre auch unterhalb der absoluten Top-Liga wie Sequerra, McIntosh MR 78 oder FM 2002 gute Tuner gegeben. Man muss sich allerdings darüber im klaren sein, dass viele dieser Tuner mit Keramikfiltern ausgestattet wurden. Sie lassen sich nicht abgleichen, dabei ist nach 30 Jahren die Mittenfrequenz oft ziemlich stark weggedriftet. Hinzu kommt die Alterung der übrigen Bauteile …

ht: Reparieren Sie Tuner?

RW: Nein, so kann man das nicht nennen. Ich nehme gelegentlich Tuner zur Gesamtrestaurierung an. Dabei werden unter anderem alle Kondensatoren und Gleichrichterdioden ausgetauscht, ich führe einen Neuabgleich durch und nehme teilweise auch mechanische Modifikationen vor – zum Beispiel Chassis-Versteifungen zur Vermeidung von Transportschäden und ein Präzisionslager zur Abstimmung im FM 2002. Die Geräte sind dann meistens besser als im Neuzustand. Aber das lohnt sich natürlich nur für hochwertige Tuner, und ich restauriere auch nur solche, die ich selbst schätze. Dazu gehören vor allem die McIntosh MR 77 und MR 78, der Kenwood L-01T, die Sansui TU-X1 und 9900, der Kücke T 22, der Sequerra FM 1 sowie der Marantz 10 B. Und natürlich meine eigenen Entwicklungen.

ht: Vielen Dank für das Gespräch!

RW: Gerne.

Zur Person:
Reinhard Wieschhoff-van Rijn war von 1973 bis 1980 bei Klein + Hummel beschäftigt und entwickelte dort den legendären Tuner FM 2002. Weil Klein + Hummel das Nachfolgemodell, das dann später FM 3003 hieß, nicht mehr bauen wollte, brachte er es in einer Kooperation mit Restek auf den Markt. Mit dem Scalar und dem Ergo entstanden weitere Tuner für Restek, auch an der Entwicklung des größten Tuners von Burmester war Reinhard Wieschhoff-van Rijn beteiligt. Vor allem aber hat er in der Autoradio-Branche gearbeitet, wo unter seiner Federführung unter anderem das Hifi-Autoradio Blaupunkt “New York” entstand.

Reinhard Wieschhoff-van Rijn war von 1973 bis 1980 bei Klein + Hummel beschäftigt und entwickelte dort den legendären Tuner FM 2002. Weil Klein + Hummel das Nachfolgemodell, das dann später FM 3003 hieß, nicht mehr bauen wollte, brachte er es in einer Kooperation mit Restek auf den Markt. Mit dem Scalar und dem Ergo entstanden weitere Tuner für Restek, auch an der Entwicklung des größten Tuners von Burmester war Reinhard Wieschhoff-van Rijn beteiligt. Vor allem aber hat er in der Autoradio-Branche gearbeitet, wo unter seiner Federführung unter anderem das HiFi-Autoradio Blaupunkt „New York“ entstand

Bild 2

Hier stecken Klang und Empfang: Blick auf die (legendäre Wieschhoff'sche) Spulenfilter-ZF und die Zusatzschaltung „X“ mit drei Quarzfiltern

Der Fachmann erkennt an der Farbe der Elkos (im Netzteil, in Ausgangsstufe und Dekoderplatine), dass unser Fotomodell bereits vom Entwickler modifiziert wurde