hifi tunes: Der Geist in der Röhre

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Der Geist in der Röhre

Das erwartet Sie in hifi-tunes 1

In Englands MOV-Röhrenfabriken geisterte jahrzehntelang augenzwinkernd das Gerücht von den „Marconi-Osram Valve Ghosts“ herum. Unter ganz bestimmten Umständen, so hieß es, könne man im Inneren der einen oder anderen Röhre schemenhaft einen kleinen Geist erkennen, der freundlich lächeln, Pfeife rauchen und sogar eine Brille tragen würde. Es müsse sich, so wurde in der Belegschaft der legendären Factory gemunkelt, bei der weiß gewandeten Gestalt in der Röhre um einen der Konstrukteure oder um einen früheren Chef von MOV handeln…

Schade, ich habe den freundlichen Geist bisher in noch keiner Röhre so richtig gesehen. Aber hin und wieder kann ich ihn schon erahnen. Und irgendwo wird er sicher stecken. Und sich vielleicht ein wenig mit uns freuen. Ach was, er wird sich geradezu diebisch freuen. Darüber, dass es ihn überhaupt noch gibt. Darüber, dass sich eine völlig obsolete, total veraltete, absolut unwirtschaftliche, aber eben auch faszinierende Technik bis in die Zeit der Mikroelektronik hinüberretten konnte. Also in eine Zeit, in der man aus einem daumennagelgroßen Chip 100 Watt Leistung holen kann. Schon in wenigen Jahren werden die großen Transistorverstärker selbst schon wieder als technische Saurier dastehen, später womöglich als sammelwürdiges Relikt einer Zeit, in der (Unterhaltungs-)Elektronik noch sichtbaren Raum einnahm.

Aber die Röhre, da bin ich ganz sicher, wird in ihren Nischen auch den Sturm einer noch nie da gewesenen Miniaturisierung überleben. Derzeit sind genau in den besagten Nischen Zuwächse zu verzeichnen. Und nicht nur HiFi-Fans und Musiker begeistern sich zunehmend für röhrenbestücktes Equipment, sondern auch die fast ausgestorbene Spezies der Elektronik- und Radiobastler pflegt angesichts immer mehr Software-orientierter, nicht mehr manuell verwendbarer elektronischer Bauteile ihre eigene kleine Retro-Welle. Fakt ist, die Röhre lebt und erfreut sich guter Gesundheit. In den USA, in Russland, China, Tschechien und der Slowakei werden wieder – oder noch immer – Röhren hergestellt. Einige spezielle Röhrentypen für HiFi- und Musikerverstärker sind sogar frisch aus der Taufe gehoben worden. Und wer genau hinguckt, der darf erstaunt diagnostizieren, dass uns die weltweite Nachfrage durch HiFi-Fans ein Röhrenverstärker-Angebot beschert hat, das noch nie so umfangreich und so spannend war wie jetzt.

Einen kleinen, aber repräsentativen Ausschnitt davon finden Sie in diesem Buch. Darunter auch seltsame, aber unglaublich reizvolle Objekte der Röhrenkunst wie etwa die DynaStation, ein CD-Player, der ausschließlich aus Gegensätzen zu bestehen scheint und genau so einen erlebbaren Zusammenhang herstellt zwischen moderner Spiel-Digitaltechnik und Röhrentypen, die schon vor einem halben Jahrhundert als veraltet galten. Da mag es vordergründig um klangliche „Röhrenwärme“ für CDs gehen – in Wirklichkeit aber weckt so ein Objekt beim Nutzer Emotionen und Ambitionen, die weit über das simple „User“-Verständnis heutiger Tage hinausgehen…

Genau hier – und nicht etwa in der oberflächlich objektiven Betrachtungsweise – stecken auch die tieferen Gründe für weltweite Stückzahlen- und Verkaufserfolge eines wunderhübschen Mini-Verstärkers, den mein Kollege Cai Brockmann so treffend als „Bonsai-Vollröhre“ beschrieb. Brocksiepers „PhonoMax“ bindet zudem einen weiteren, schon mehrmals totgesagten HiFi-Dauerbrenner ins Röhrengeschehen ein: den Plattenspieler. Röhrenfans, die noch nicht vinylinfiziert sind, werden den Weg als kurz empfinden: Fraglos kommt hier zusammen, was einfach zusammengehört.

Ausgerechnet in der ehedem größten Unterhaltungselektronik-Nation existiert eine an Röhrentechnik und Vintage-HiFi höchst interessierte Fangemeinde, die das „Röhrenloch“ zwischen 1970 und 1990 frohgemut ignorierte. Erinnern Sie sich? Bei uns in Europa dachte damals kaum ein HiFi-Freak an Röhrenverstärker. Ganz anders dagegen Japan: Ken Shindo, seit mehr als 25 Jahren wohl einer der renommiertesten Röhren-Gurus des Landes, lieferte uns mit dem Vorverstärker „Monbrison“ und der Endstufe „Cortese“ eine Kombi zu, die nichts weniger als Kultstatus besitzt. Was übrigens für alle Gerätschaften des Altmeisters gilt.

Ebenfalls von einem kleinen, aber feinen japanischen Hersteller stammt das wahrscheinlich schönste Gerät in diesem Buch, ein fast 40 Kilo schweres, wahres Monument der Röhrentechnik. Redaktionsintern gern mal als die „Mutter aller Röhrenverstärker“ bezeichnet, ist die auf eine Kleinserie von 35 Stück limitierte Wavac HE-4304 sicherlich ein Traum, den sich nur Wenige erfüllen können. Doch der glückliche Besitzer wird mit einem Klang entschädigt, der dem Preis adäquat ist. Und das ist wohl das größte Kompliment, das man einem sage und schreibe 35000 Euro teuren Verstärker – und dem verantwortlichen Künstler Yuzuru Ito – machen kann.

Außergewöhnliche Röhren in außergewöhnlicher Schaltungstechnik: Das ist EAR. Tim de Paravicini, einer der großen Namen, wenn es um feinstes HiFi geht, ist stets für Überraschungen gut. Sorgt er doch seit jeher dafür, dass es der Röhrengemeinde nie langweilig wird. Einmal benutzt er alte Fernsehröhren, ein andermal VU-Meter im 70er-Jahre-Stil oder er modifiziert auf Teufel komm raus steinalte Tonabandmaschinen. Auf eines kann man sich bei Paravicini aber immer verlassen: Das Ergebnis klingt überzeugend und wird seinen Besitzer wahrscheinlich überleben!

Kein Röhrenbuch kann dick genug sein, um alles hineinzupressen, was der Präsentation wert gewesen wäre. Aber auf McIntosh verzichten? Völlig unmöglich. Auch und gerade deswegen, weil die altehrwürdige Company es erfolgreich verstanden hat, sich mit aktuellen Multimedia-Produkten bis zum heutigen Tag am Markt zu halten. Und zwar ohne die eigene Identität unterwegs über Bord zu werfen. Röhrenverstärker sind immer noch im Programm, ebenso gefragte Remakes aus der Firmenhistorie. Wie etwa die MC-275, wahrhaftig ein Stück Röhrengeschichte, welches nichtsdestotrotz sogar modernen Messtechnik-Anforderungen locker standhält. Vier Neuauflagen des berühmten Amps binnen 40 Jahren sprechen wohl für sich selbst.

Den einsamen Rekord für die wohl mächtigsten Röhrenverstärker der HiFi-Geschichte hält wahrscheinlich Jadis. Wenn es nicht gerade um metergroße 200-Watt-Class-A-Monos für den asiatischen Markt geht, dann bescheiden sich die Franzosen mit röhrentechnischen Kleinigkeiten, die man gerade noch zu zweit tragen kann. Zum Vollverstärker DA88S dazu gibt’s Chrom und Gold satt, genug Leistung für alle Lebenslagen und kunstverdächtige Feinarbeit unter dem Chassis. Denn niemand sonst ist imstande, aus freitragend verlöteter Schaltungstechnik ein so filigranes, wunderschönes Kunstwerk zu machen. Mein Technikerherz behauptet jedenfalls: Jadis ist innen noch hübscher als außen.

Tschechische Röhren, eine italienische Fabrik und österreichische Produkthoheit. Kann das europäische Teamwork gut gehen? Ja: Die Tschechen bauen einzigartige, neu konstruierte Röhren mit Hochstrom-Kathoden und enormer Leistungsfähigkeit, die Italiener bringen das Know-how eines anerkannten Herstellers ein und der Auftraggeber weiß, was er hören – und sehen – will. Das Ergebnis heißt Firestorm und zählt zu den echten Eintakt-Boliden.

Die Trendfarbe des dritten Millenniums, so Kollege Vrzal, wäre strahlendes, reinstes iPod-Weiß. Warum auch nicht – viel zu lange schon hatten wir die Wahl zwischen Schwarz, Schwarz oder Schwarz, bisweilen unterbrochen von Chrom. Aber wer hätte auch nur im Traum daran gedacht, dass sich jemand fürs Teamwork mit dem iPod eine Röhren-Komplettanlage einfallen lässt? Kompliment, Herrschaften! Nicht nur für den unternehmerischen Mut, nein, sondern auch und erst recht für die konsequente Haltung, nicht mit lifestyliger Blend-a-med-Verpackung windige Innereien zu kaschieren. Ganz im Gegenteil: Dem Highender läuft schon angesichts der Gehäuse das Wasser im Munde zusammen und die Röhrentechnik ist so innovativ wie der iPod selber. Kaum zu glauben? Nehmen Sie mich beim Wort!