hifi tunes: Nagaoka MP-200

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Nagaoka MP-200

Nagaoka MP-200

Freude lila Götterfunken

Text von Uwe Heckers

Schallplattenhören - preisgünstiger als Rauchen oder Kinobesuche?

Analog ist im Vergleich zu Digital ein teures Hobby. Man braucht ein Laufwerk, einen Tonarm, einen Tonabnehmer und in der Mehrzahl der Fälle einen extra zu erwerbenden Phonovorverstärker – sei es als optional erhältliche Platine für seinen Verstärker oder aber als Extrakästchen mit eigenem Netzteil. Da das alles aber nicht so schnell kaputt geht, wird sich die einmal getätigte Investition über die Jahre mit erlesenem Musikgenuss amortisieren.

Wenn da nicht der Tonabnehmer wäre. Der ist nämlich immer ein Verschleißteil. Egal, wie viel Geld sie bereit sind auszugeben - nach einer bestimmten Betriebszeit ist Schluss mit lustig. Dann haben hunderte Kilometer Vinyl auch das härteste Mineral der Welt verschlissen. Wie lange so ein Diamant nun genau durchhält, darüber streiten sich allerdings die Geister. Vor allem Hersteller eher preiswerter MMs, bei denen der Nadeltausch einfach und schnell durchzuführen ist, machen der Klientel angst und bange und behaupten, spätestens nach 500 Stunden sei ein Nadeltausch fällig. Hersteller, die vorrangig MC-Systeme anbieten, bei denen ein simpler Nadeltausch prinzipbedingt nicht möglich ist, deuten hingegen gerne an, dass man ihre Systeme vielleicht nach 2000 Stunden mal überprüfen sollte …

Nach meiner Einschätzung beginnt bei etwa 1000 Betriebsstunden der kritische Bereich. Und wenn ich damit nicht allzu falsch liege, verursacht ein Tonabnehmer für – sagen wir mal – 5000 Euro jede gehörte Stunde 5 Euro Betriebskosten. Damit wird das Schallplattehören deutlich teurer als ein Kinobesuch. Und wer kann es sich schon leisten, jeden Tag ins Kino zu gehen.

 

Konnichi wa Nagaoka

Der Nagaoka MP-200 ist ein Tonabnehmer, dessen Betrieb nach obiger Überschlagsrechnung weniger als eine einzige Zigarette pro Stunde kostet (gesünder ist es außerdem). Nagaoka gehört zu den Herstellern, die eigentlich jeder kennt, die aber nur von wenigen bewusst wahrgenommen werden. Insbesondere die antistatischen Kunststoffinnenhüllen des japanischen Unternehmens sind in nahezu jedem highfidelen Schallplattenspieler-Haushalt zu finden. Aber irgendwie ist vor allem in Deutschland während des letzten Jahrzehnts in Vergessenheit geraten, dass Nagaoka auch Tonabnehmer produziert, und zwar seit Jahrzehnten. Das Kerngeschäft der in Tokio ansässigen Firma ist allerdings die Anfertigung von Diamantwerkzeugen; quasi nebenbei produziert man auch Abtaststifte für andere Tonabnehmerhersteller.

Allem Anschein nach hegen die Chefs von Nagaoka eine besondere Liebe zur analogen Wiedergabe. Wie sonst wäre es zu erklären, dass, so der deutsche Vertrieb, die hohen Herren sogar gute Beziehungen zur Mitgliedern der japanischen Oper pflegen, mit denen die klangliche Feinabstimmung der Tonabnehmer vorgenommen wurde. Trotzdem soll Nagaoka bisweilen mit sich gerungen haben, ob man überhaupt noch weiter eigene Systeme anbieten sollte. Glücklicherweise kam man zum Ergebnis, die hochwertige MP-Baureihe zu überarbeiten und vor allem für die weit verbreiteten mittelschweren Tonarme zu optimieren.

Im aktuellen Programm tummeln sich derzeit sechs Systeme, die einer klar gegliederten Hierarchie folgen: MP-100 und MP-110 haben Kunststoffgehäuse, Aluminium-Nadelträger und gefasste Diamanten, die entweder sphärisch oder elliptisch geschliffen sind, MP-150 und MP-200 bedienen mit ihren nackten Steinen bereits gehobene Ansprüche, während die beiden Spitzensysteme mit aufwändigen Metallgehäusen, fest verschraubten Nadeleinschüben und Bor-Nadelträgern ungeniert im High-End-Lager wildern.

 

Made in Japan

Bleiben wir beim MP-200. Im Unterschied zum knallig grünen MP-150 verfügt dieses System nicht nur einen nackten Stein, sondern auch bereits einen Nadelträger aus Bor. Dieses chemische Element besitzt aufgrund seiner Nähe zu Kohlenstoff zumindest teilweise Ähnlichkeiten mit Diamant. Es ist besonders leicht, hart und verwindungssteif, aber leider auch nicht leicht zu bearbeiten, weshalb das Material als Nadelträger in dieser Preisklasse üblicherweise kaum zu finden ist. Dass das Gehäuse des Zweihunderters lediglich aus Kunststoff besteht, zudem ausgerechnet poppig lila gefärbt, sehen wir ihm gerne nach; vor allem deshalb, weil der Korpus offenbar zu den stabileren seiner Art gehört. Leider konnten sich die Ingenieure auch bei der neuen 100-er Serie nicht dazu durchringen, Gewindebohrungen anzubringen. Aber wer einmal die vorhandenen Bohrungen überdreht und das dazu gehörige System unbrauchbar gemacht hat, der weiß auch das Hantieren mit Schraube und Kontermutter wieder zu schätzen.

Das MP-200 folgt ähnlich wie die Tonabnehmer von Grado dem Moving-Iron-Prinzip, das von Nagaoka allerdings Moving Permalloy genannt wird. Der Diamant setzt über den Nadelträger ein Weicheisenteil in Bewegung, die in einer festen Anordnung von Magneten und Spulen in letzteren einen elektrischen Strom generieren. Da die Spannung in erster Linie von der Anzahl der Windungen abhängig ist und diese nicht bewegt werden müssen, kann man - ohne die bewegte Masse des Generators unnötig zu erhöhen - Spannungen erzeugen, die mit jedem typischen MM-Eingang verträglich sind. Besonders aufwändige Phonostufen oder gar Übertrager sind für ihren Betrieb nicht nötig.

 

Sayonara Langeweile

Wie jedes mir bekannte System aus dem Hause Nagaoka ist auch das MP-200 im praktischen Betrieb völlig unkritisch. Es reagiert überhaupt nicht zickig auf den verwendeten Arm und kann seine Qualitäten sowohl an leichteren Tonarmen, etwa dem VPI JMW 9, als auch schwereren Kalibern wie dem Jelco SA-250 zur Geltung bringen. Es ist aber durchaus bemerkenswert, wie es mit seinen Aufgaben wächst. Wenn man es zu Vergleichszwecken direkt vom Jelco in den SME Model 309 wechseln lässt, gewinnt der Bass enorm an Wucht und Präzision, ohne aber zu übertreiben, so dass wichtige Feinheiten nicht im Bassmatsch untergehen. Sehr schön kann man das bei großorchestralen Stücken wie Igor Stravinskys „Le Sacre Du Printemps“ (Dorati, Detroit Symphony Orchestra, Decca) hören, wenn plötzlich die mit größter Vehemenz angeschlagenen Felle der Kesselpauken nachschwingen und eben nicht nur mit einem einzigen, trockenen „Pong!“ enden. Die Staffelung des riesigen Orchester gelingt sehr schön, wenngleich der Raum nicht bis in die allerletzte Ecke, wo selbst das Reinigungsgeschwader eines Konzerthauses nie hinguckt, ausgeleuchtet wird.

Grundsätzlich gehört das Nagaoka MP-200 zu den im besten Sinne neutralen Tonabnehmern. Das heißt aber auch, dass eben kein ganz leicht aufgedickter Oberbass mehr Fülle vortäuscht, wo in Wirklichkeit nichts ist. Es gibt auch keinen sanften Mitteltonbuckel, der dem Hörer über so manche zu kühl geratene Aufnahme hinweghülfe - Ehrlichkeit hat nun mal ihre Schattenseiten. Dafür ist der Genuss bei gelungenen Einspielungen dann aber um so größer. So ist es schlicht und einfach verblüffend, wie viele subtile Details das kleine Nagaoka aus Chie Ayados Klavierspiel („To You“, Ewe Records) zu Tage fördert und dabei nicht vergisst, den musikalischen Zusammenhang zu wahren. Ich muss zugeben, dass ich diese Qualitäten einem System dieser Preisklasse nicht zugetraut hätte.

Ganz besonders erwähnenswert ist neben der Neutralität auch die Dynamik, zu der es fähig ist. Das MP-200 gehört definitiv zu den direkten Systemen, die den Solisten nicht in einer mitunter gekünstelt wirkenden Aura verschwinden, sondern sie unmittelbar zu Wort kommen lassen. Eine diesbezüglich aufschlussreiche LP ist die „American Recordings IV – The Man Comes Around“ von Johnny Cash. Mit dem Nagaoka beschleicht einen schon das leicht unheimliche Gefühl, Mr. Cash würde direkt vor einem ins Mikrofon krächzen. (Singen kann man das wohl nicht mehr nennen …)

Alleine für dieses authentische Gefühl des „Dabeiseins“ muss man normalerweise weit mehr als 260 € bezahlen. Es besteht nicht der geringste Zweifel: Wer mit der Farbe Lila keine Probleme hat, sich über analoge Betriebskosten im klaren ist und auch sonst gern die Kirche im Dorf lässt, findet im Nagaoka MP-200 einen sehr feinen und überaus preiswerten Tonabnehmer.

Uwe Heckers

Produkt:

Tonabnehmer Nagaoka MP-200

Prinzip: Moving Iron
Besonderheiten: austauschbarer Nadelträger
empfohlene Auflagekraft: 15 - 20 mN
Nadelnachgiebigkeit: ohne Angabe, für mittelschwere Tonarme ausgelegt
Systemgewicht: 6,5 g
Ausgangsspannung: 4,0 mV bei 5 cm/s
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 260 €
Preis Ersatznadelträger JN-P-200: 160 €

Kontakt:
Nagaoka Co., Ltd.
3-2 Sendagaya 4-chome
Shibuya-ku
Tokyo
Japan
Telefon: +81(0)3-3479-8101
www.nagaoka.co.jp

Vertrieb:
Phono Zubehör Vertrieb GmbH
Dyrotzer Weg 53
14612 Falkensee
Telefon: +49 (0)3322 – 23 91 55
www.tonnadel.de