hifi tunes: Transrotor Tourbillon

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Transrotor Tourbillon

Berührungsloser Antrieb mit der Präzision eines Uhrwerks

Text von Helmut Hack

An all die Laufwerksbastler da draußen: Schaut mal, hier, so kann das aussehen, wenn man nicht ständig Kompromisse eingeht.

Selbst im harten Testeralltag, in dem man gelernt hat, Preisschilder als abstrakte Wertmaßstäbe anzuerkennen, in dem man auch gelernt hat, dass eine Idee stärker sein kann als die Naturgesetze und wertvoller als ihre materielle Umsetzung, kommen von Zeit zu Zeit Ausnahmekonstruktionen des Wegs, bei deren Anblick selbst die hartgesottensten, kaltschnäuzigsten und erfahrensten Redakteure einen verklärten Schlafzimmerblick aufsetzen. Und zu denen gehöre ich noch nicht einmal. Es sollte also nachvollziehbar sein, dass ich das Stelldichein mit einem Transrotor Tourbillon vorfreudig erwartete. Nicht dass mir anschließend Befangenheit unterstellt wird, aber ganz offen: Glauben Sie wirklich, ich schreibe hier, er klingt nicht gut? Transrotor ist mir eine der frühesten Metaphern für High End. Sagt jemand Masselaufwerk, sehe ich Transrotor - das Original, den Namen, der mit dem Durchbruch des Massekonzepts im Laufwerksbau verknüpft ist. Tut mir leid, diejenigen, die eine unterhaltsame Schmähkritik mit Spott und Häme erwarten, enttäuschen zu müssen. Jucken würde es mich ja, aber es geht einfach nicht. Zum einen wäre es glatt gelogen und da steht natürlich mein Berufsethos vor. Zum anderen bewegen wir uns hier in Preisregionen, die durch Klanggüte alleine nicht mehr zu rechtfertigen sind. Oder klingt der Tourbillon doppelt so gut wie ein voll ausgebauter LP12? Wahrscheinlich schon, aber wer besitzt so viel Chuzpe, dies zu behaupten? Nein danke, nicht mit mir.

 

Mut zur Idee

Überdies reitet auch Jochen Räke, „Rotor-Räke“, der Kopf des Bergisch-Gladbacher Unternehmens, erfrischend wenig auf dem Klang seiner Laufwerke herum. Warum wohl? Falsche Bescheidenheit? Ein klares Ja, aber vielmehr ist es auch das Wissen darum, dass guter Klang gewissermaßen zu den Soft-Skills eines Laufwerks gehört – unverzichtbar, aber schwer zu klassifizieren. Und damit leicht zu manipulieren. Wenn ein neuer Plattenspieler seinen überragenden Klang mit drei Ausrufezeichen ankündigt, werde ich schon misstrauisch: Oft läuft der Motor unüberhörbar, manchmal auch nicht, und ich meine gar nicht. Oder er läuft nur kurz, bleibt dann stehen oder fällt um. Mal hat nur der Teller einen leichten Höhenschlag, seltener eiert er sogar auf der Achse. Tonarme sind zu kurz, Riemen passend zum Pulley unrund. Okay, ich neige zur Hysterie, trotzdem ist guter Klang oft das einzige, was mechanisch zweifelhafte Konstrukte retten könnte. Logisch, dass versucht wird, selbigen herbei zu suggestieren. Aber ein planer Teller und konstante Geschwindigkeit sind Basisanforderungen, die erfüllt werden müssen; Laufwerksbau beginnt erst danach. Es ist auffällig, dass solche Selbstverständlichkeiten bezüglich Transrotor selten diskutiert werden müssen. Ja, auch ich habe es längst gehört: Der Magnetantrieb des Tourbillon kann unmöglich eine konstante Drehzahl des Tellers gewährleisten - behaupten Kleingeister, denen vor nichts mehr graut, als vor der Verwirklichung einer großen Idee, die den Diskussionsfluss stören könnte.

 

Der ideale Antrieb

Nichts weniger als ideal ist der magnetisch entkoppelte Antrieb in meinen Augen: eine nicht ganz neue, aber verdammt große Idee, die Klinge für den Gordischen Knoten. Treibt man einen Teller elektrisch an, überträgt sich darauf immer Polruckeln des Motors. Da wir nicht alle Direkttriebler besitzen, liegt der Verdacht klangschädigender Auswirkungen dieser Vibrationen nahe. Mittels Riemenantrieb werden sie aber ebenfalls nicht eliminiert, sondern nur entschärft. Und jetzt frage ich Sie: Gibt es eine theoretisch bessere Lösung, als die Motorkraft durch einen Luftspalt, in dem ausschließlich magnetische Kräfte wirken, vom Plattenteller zu trennen? Heureka! Das Ende der Antriebsdiskussion! Meinerseits zumindest, der ich bis zur Selbsthypnose auf die Stroboskopscheibe starrte, ohne die geringste Unregelmäßigkeit zu registrieren. Vor drei oder vier Jahren hielt ich ein auf der High End ausgestelltes, in anderen Laufwerken ähnlich wirkendes TMD-Modul (Transrotor Magnetic Drive) in Händen und konnte es nicht verstehen, irgendwie hielt ich es fälschlich für ein Magnetlager. Gerne hätte ich es auseinander genommen, jedoch hatte ich keine weißen Handschuhe dabei. In der Zwischenzeit habe ich verstanden, wie es funktioniert, aber es im Wortsinn zu begreifen, das steht mir jetzt noch bevor.

 

Verschwenderische Feinmechanik

Der Aufbau eines Tourbillon ist komplex, am besten sehen Sie sich auch die Bilder an. Sie tun ohnehin nichts anderes? Vielen Dank auch, trotzdem versuche ich noch eine eingehende Erläuterung. Der Subteller, also das „Schwungrad“ mit den umlaufenden Gewichten, das dem Tourbillon auch den Namen eines Uhrwerks verleiht, dreht sich nicht etwa eo ipso, sondern muss angetrieben werden. Bei älteren Modellen wurde das von drei Außenläufern erledigt, mittlerweile sind die drei Motoren im Fuß des Laufwerks integriert und treiben über ebensoviele Riemen einen transrotor-typischen Zylinder auf einer invertierten Achse mit Lagerkugel an. Dieser Zylinder findet - wie bei allen Transrotor-Tellern einer überdimensionalen Lagerhülse gleich - Platz in einer Glocke auf der Unterseite des Antriebstellers. Bei Transrotor ist eben alles massiver, größer und grundsätzlich besser. Material spielt keine Rolle, das zahlt der Kunde.

Diese Unterkonstruktion dient dem Tourbillon lediglich als Lager für den Antriebsteller, auf dessen Oberseite etwa im Umkreis eines Plattenlabels um die Achse zehn runde Neodymmagneten eingelassen sind. Ihre Gegenstücke finden sie im Zylinder des Lagers darüber. Vorsicht, direkten Kontakt bitte vermeiden, die Zehn-Cent-großen Scheiben ziehen sich stark an. Für einen definierten Abstand sorgt die dreibeinige Acrylzarge, die über den Antriebsteller gestülpt wird und mit drei Tonarmen bestückt werden kann. In ihrem Zentrum wird eine Lagerwanne, ebenfalls mit stehender Achse, versenkt, die schließlich den „magnetischen“ Zylinder aufnimmt. Die Anziehungskraft der Magneten wirkt also durch den Boden des oberen Lagers. Selbstverständlich gehört das Plattentellerlager zur Spezies der legendären hydrodynamischen Lager mit hydraulischer Gewichtsentlastung - die hier übrigens doppelt wichtig ist, da sich die Magneten, wie erwähnt, anziehen und so die Belastung des Lagers zusätzlich erhöhen.

Ganz oben thront der majestätische, 80 Millimeter dicke Acrylteller, der früher, wenn ich mich nicht irre, matt war, inzwischen aber zeitgemäß transparent geschliffen ist. Schwer ist er nach wie vor. Der komplette Tourbillon wirft rund 60 Kilo in die Waagschale, die unter anderem, das sollte man durchaus bedenken, eine effektive Diebstahlsicherung darstellen.  Während ein Einbrecher bereits genannten schottischen Schwabbler locker am Arm packen und mitgehen lassen kann, muss er für den Transrotor schon mit Schubkarre anrücken. Dafür kann er ihn dann alleine wieder aufbauen, wohingegen er für den leichteren Dreher einen kostenintensiven Einstellungsritus durchführen muss. So oder so, Einbrecher haben's schwer, Tourbillon-Besitzer hingegen nicht, denn für den Kaufpreis lässt man natürlich liefern und aufstellen.

 

Das Zubehör

Im Gewicht noch gar nicht inbegriffen sind die zahlreichen Accessoires, die einen gelungenen Auftritt erst perfekt machen. An vorderster Front: ein Reinigungsbesen auf einem schweren verchromten Ständer. Er wird zwischen Headshell und Teller gestellt und reinigt die Nadel vor jeder neuen Platte. So etwas besorge ich mir auch, gleich nach dem Heißluftrundumgebläse in der Dusche. Im Ernst, der kerzenförmige Staubwedel ist eine tolle Sache und funktioniert einwandfrei, aber er erledigt mit unanständigem Materialeinsatz eine Aufgabe, die sich manuell auch ganz gut durchführen lässt. Sinnvoller ist da schon der Mitlaufbesen, wenn auch ebenso wenig neu wie der „Rotor-Ring“, ein massiver Edelstahlring, der die Platte an der äußersten Kante noch vor der Einlaufrille packt, sie stabilisiert und an den Teller drückt. Das gab es, glaube ich, auch schon bei Micro-Seiki - wie eigentlich alles, was gute Plattenspieler auch heute noch ausmacht.

Allerdings hatte ich einen solchen Stabilisierungsring noch nie in Händen. Er ist massiv, schwer und fein geschliffen, da heißt es Nerven bewahren - das ist etwas anderes, als wenn einem die Carbonbürste aus der Hand rutscht. Wenn er aber richtig sitzt, liegt er mit der Plattenoberfläche genau auf einer Ebene. Absolute Fertigungsgenauigkeit ist schon deshalb nötig, damit keine Unwucht entsteht, immerhin bringt der Ring ein beträchtliches Gewicht mit, das sich am Tellerrand versammelt. Dafür kommt die weit entfernt von der Achse exakt austarierte Masse mit hoher Trägheit dem Gleichlauf zugute. Zudem löst der Ring ein Versprechen ein, das auf den Mitteldorn aufgesetzte Plattengewichte oft schuldig bleiben: Jede Platte wird schlüssig auf den Teller gepresst. Explizit bei Masselaufwerken halte ich das für einen zentralen Punkt mit klanglichen Auswirkungen, der allzu oft vernachlässigt wird. Warum werden denn acht Zentimeter dicke Teller aus verschiedenen Materialien verbaut? Weil sie so elegant wirken? Ja auch das, aber wohl in erster Linie, weil Dicke und Material den Ton der Schallplatte unterstützen und formen, nicht zuletzt, indem sie feine Vibrationen des Abtastvorgangs aufnehmen, und das funktioniert nur dann richtig, wenn die Platte wellenlos aufliegt.

Ich fand es schon vor dem „Rotor-Ring“ ziemlich ärgerlich, wenn teure Masselaufwerke ohne Plattengewicht ausgeliefert wurden. Doch ab sofort erwarte ich noch mehr: Der Ring ist die humorloseste, aber bislang beste Lösung dieses Problems. Und ein herkömmliches zentrales Gewicht wird zusätzlich verwendet. Die Motorsteuerung übernimmt das bekannte Transrotor-Netzteil Konstant M 3. Es kann über den niedlichen und schon nach der ersten Berührung unverzichtbaren Quintessence-Schalter bedient werden: ein verchromter, separat stehender Kippschalter, der gepflegten Modelleisenbahncharme versprüht oder sogar Raumschiffatmosphäre aufkommen lässt.

 

Die Kommandobrücke

„Energie!“, entfährt es mir leise, als ich den Schalter umlege. Langsam folgt der Plattenteller der Magnetkraft des Antriebs, gemächlich schiebt er sich auf gute 33 Umdrehungen pro Minute - hier schwingt sich alte Laufwerksaristokratie ein, kein emsiger Lakai. Ein wenig Ehrfurcht darf anlässlich so einer Jungfernfahrt schon sein. Einige stille Minuten beobachte ich fasziniert das mechanische Zusammenspiel der beiden getrennten Ebenen, das stoische Drehen der Schwungscheibe mit den exzentrischen Gewichten und das gravitätische Gleiten des Plattentellers – die Stroboskopscheibe bleibt, wie erwähnt, absolut unauffällig.


Ob man Platten bei drehendem Teller auflegt oder nicht, unterliegt individuellen Vorlieben, ich habe zumindest bei „harten“ Tellern ohne Matte immer Phantomschmerzen und versuche deshalb, Reibung möglichst zu verhindern. Privat halte ich den Teller meines Laufwerks trotz Stringantrieb kurz an, wuppe und wende die Platte in einer Sekunde und schubse den Teller in der nächsten wieder an. Bisher macht der kleine Motor das mit (“Zur Steinigung hier entlang. Jeder nur einen Stein!“). Der „Rotor-Ring“ grenzt die Möglichkeiten des Tourbillon diesbezüglich ein. Ich rate zumindest davon ab, ihn bei rotierendem Teller aufzusetzen. Der Quintessence-Schalter ist haptisch verlockend, aber irgendwie auch umständlich …

Moment mal, zwei- dreimal wickiemäßig die Nase gerieben: Die Kraft wird doch berührungslos übertragen, eine Überlastung des Motors kann man damit ausschließen. Also, Denken und Handeln in Einklang bringen – Teller stoppen. Nichts passiert, kein Ächzen, keine Rauchentwicklung, der Teller bleibt frei stehen, nur ein leichtes Ruckeln verrät, dass die Magneten weiter ziehen wollen. Komfortabel lässt sich nun die Platte wechseln, vorsichtig der Ring aufsetzen, das Plattengewicht bekommt aus dem Handgelenk einen kleinen Twist mitgegeben – schon ist alles wieder so, als ob nichts geschehen wäre.

Sie haben richtig gelesen, ich habe dem Acrylaltar untertänigst einige Platten geopfert. Darunter sogar ziemlich profane. Jede Platte relativiert den Preis, verstehen Sie, schon nach 25000 kostet ein Durchgang nur noch rund einen Euro. Montiert ist übrigens ein brandneuer SME V von sagenhaften zwölf Zoll Länge mit einem bereits eingespielten Cartridgeman-System. Ein phantastischer Arm für Menschen, die beim Musikhören die Augen schließen: leicht zu bedienen und ebenso unkompliziert wie perfekt einzustellen, aber mit unschönen figürlichen Überproportionalitäten. Davon konnte bei Bettye LaVette im Jahre 1970, als sie „Do Your Duty“ aufnahm, keine Rede sein. Allein stimmlich zählte sie zu den Schwergewichten. Die Aufnahmequalität der ausgezeichneten Pressung (Sundazed 5208) ist zwar nur bescheiden, kann aber trotzdem entlarven, Defizite aufzeigen, wenn es darum geht, das Feeling einer Aufnahme zu vermitteln. Der Tourbillon zeigt sich wenig beeindruckt, ich umso mehr. Ich höre keinen Massekoloss, keine übertriebene Wuchtigkeit, sondern eine feste, kräftige Stimme, einen emotionalen Vortrag und die Fehler der Aufnahme, wie etwa ein kurzes Rauschen auf dem Gesangsband des linken Kanals.

Mit modernem Material sollte noch mehr möglich sein. Peter Fox' Stadtaffe ist trotz des anhaltenden Erfolges ein außergewöhnlich gutes Album, die Platte mit großzügig breitem Rillenschnitt ein Schmuckstück ihrer Gattung. Sofort zeigt auch der Transrotor ein anderes Gesicht: Wucht und Drive, Ruhe und Rhythmus, er lässt immer noch keine Vorlieben erkennen, aber er ist an der Produktion mit dem Babelsberger Filmorchester gewachsen, reproduziert wahrlich riesig mit beeindruckender Detailfülle. Entschuldigung, das bin ich nicht gewöhnt, es macht mich sprachlos. Ist es möglich, dass der Transrotor Tourbillon besser klingt als die Schallplatte?

Produktinfo

Laufwerk Transrotor Tourbillon
Prinzip: Masselaufwerk mit berührungslosem Magnetantrieb über riemengetriebenen Subteller
Besonderheiten: externes Netzteil Konstant M 3, Zarge nimmt optional bis zu drei Tonarme auf
Zubehör: „Rotor-Ring“, zwei Reinigungsbesen, Auflagegewicht, optional Quintessence-Schalter
Ausführungen: silbern hochglanzpoliert oder vergoldet (ca. 10000 Euro Aufpreis)
Abmessungen: 30/52/52 cm (H/B/T)
Garantie: 2 Jahre - weitere 48 Jahre(!) auf Kulanz
Gewicht: 60 kg
Preis: 28500 Euro
Setpreis incl. SME V 12“: 32300 Euro

Kontakt

Räke Hifi/Vertrieb GmbH
Irlenfelder Weg 43
51467 Bergisch-Gladbach
Telefon 02202/31046
www.transrotor.de

Bild 1: Transrotor Tourbillon

Bild 2

Bild 3

Bild 4

Bild 5

Bild 6: Drei Motoren treiben das schwere Antriebsrad mit verchromten Messinggewichten und den Neodymmagneten auf der Oberseite an

Bild 7

Bild 8

Bild 9: Das ungewöhnliche große Tellerlager ruht vollständig in der Zarge. Es besteht ausschließlich magnetischer Kontakt zum Antrieb im Unterbau

Bild 10

Bild 11: Der Dreh- und Angelpunkt des Tourbillon: Die Neodymscheiben ziehen sich magnetisch an, bleiben aber räumlich getrennt