hifi tunes: Rendezvous mit einem Götterboten

hifi tunes

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Rendezvous mit einem Götterboten

Audio Note Paladin

Der Paladin: Hofritter, Berater des Fürsten, treuer Gefolgsmann. In Fantasy-Rollenspielen heiliger Ritter der Kirche oder gesandt von einer Gottheit, um in deren Sinne und im Namen der Ehre zu handeln. Ein strahlendes Äußeres und heroische Posen prägen sein Bild ...

Da steht er nun, mein Paladin. Stolzer Hofritter und treuer Gefolgsmann? Das wird sich zeigen. Strahlender Götterbote? Nun, in seiner schlanken schwarz-kupfernen Hülle wirkt er klassisch und elegant, keinesfalls aber strahlend, nicht einmal im übertragenen Sinne. Zugegeben, das lackierte Kupferchassis und die schwarze Acrylfront schimmern edel, doch seine Röhren erzeugen lediglich ein so zartes Glimmen, dass man sich schon ein bisschen bemühen muss, um das schwache Orangerot der Heizfäden als Lebenszeichen oder gar Techno-Romantik wahrzunehmen.

Das liegt auch an der 45er. Die direkt geheizte Leistungstriode tritt optisch dezent und eher bescheiden auf. Zwei 45er stecken in den Fassungen des Paladin von Audio Note UK, neben einer 6SL7 und einer 5R4GA. Oder besser: Sie stecken nicht. Jedenfalls nicht serienmäßig.

Wenn man den Paladin frisch erwirbt, stecken überhaupt keine Röhren in seinen vorzüglichen Keramikfassungen. Der Amp kommt praktisch nackt ins Haus, was seinem Käufer von Anbeginn ein paar freundliche Optionen
hinsichtlich passender Gläser beschert. Soll es zum Kennenlernen eine möglichst preisgünstige Bestückung sein? Oder doch lieber ein richtig leckeres, entsprechend teures Delikatessen- Ensemble für den Feinschmecker – vielleicht sogar aus dem eigenen Vorratskeller? Immerhin beeinflusst die individuelle Bestückung sowohl den klanglichen Charakter des Paladin (maßvoll) als auch den Gesamtpreis (massiv); die lieferbaren Röhrensätze decken eine erstaunliche Spannbreite von Geschmacksnuancen und Kontoständen ab.

Weniger flexibel ist die Bereitschaft des Audio Note Paladin, sich vehement und bedingungslos auch für feiste, fette Lautsprecher ins Zeug zu legen. Dieser Amp stellt nämlich ein paar Bedingungen an seine Spielpartner, nicht zuletzt wegen der 45er. Ordinäre Durchschnittsschallwandler zum Beispiel verabscheut er schon aus Prinzip. Nur wenigen Auserwählten bietet er seine Freundschaft an; ein paar davon werden wir später noch kennenlernen.

Die geometrische Grundform des Paladin – schmal, aber tief bauend – ist einerseits spannend, hat mich andererseits beim ersten flüchtigen Blickkontakt zu mehreren Fehlschlüssen verleitet. (Zum besseren Verständnis: Es war eine briefmarkengroße und ziemlich verpixelte Abbildung, denn in freier Wildbahn ist der Paladin nur sehr selten zu sehen.) Ohne seine Röhrenbestückung zu (er)kennen, sortierte ich den Paladin zunächst unter „Mono-Endstufe mit beachtlichen Ausmaßen und muskulöser Performance“ ein und hatte bereits ein sattes fünfstelliges Preisschild im Kopf.

Man kann kaum falscher liegen. Der Paladin ist in natura nämlich ein recht kompaktes Kerlchen. Auch tritt er nicht als Zwilling, sondern als Stereo-Single an: In seinem gerade mal 20 Zentimeter breiten, dafür stattliche 54 Zentimeter tiefen Gehäuse stecken zwei Verstärkerzüge, die – je nach Verzerrungs- und persönlicher Toleranzgrenze – der direkt geheizten 45er-Triode ihre typische Leistung von einskommasechs bis knapp zwei Watt entlocken. Angesichts dieser doch überschaubaren Power wirken Netzteil und Ausgangsübertrager bereits krass überdimensioniert. Trotzdem bringt der Amp nur gut elf Kilo auf die Waage. Wer wollte, könnte sich seinen Paladin wohl kurzerhand unter den Arm klemmen – im übertragenen Sinne, versteht sich. Macht ja keiner wirklich. Gleichwohl ist dieses Bürschchen, wie jeder andere Verstärker der Bonsai-Liga, sehr wohl auf ordentliche Hege, Pflege und Umsicht angewiesen, um sich klanglich voll entfalten zu können.

Roland Kraft, seines Zeichens bekennender Kleinstleistungsröhrenverstärkerverehrer, lächelt beim Anblick des Paladinchens in der Redaktion jedesmal ein klein wenig in sich hinein. Ein paarmal nennt er es sogar zärtlich
„Kleinmausröhre“, was fast schon einem vorauseilenden RK’schen Ritterschlag gleichkommt. Später verrät mir der Kollege, er freue sich schon auf den Tag, an dem ich mit dem Kleinen zum Spielen vorbeikomme. Ich hoffe nur, dass der Paladin die Mausvergleiche nicht krumm nehmen, friedlich mit RKs Rondo spielen und nicht (gleich) zubeißen wird.

Bevor es jedoch in die weite Welt hinaus geht, zum Rondowärmen und Shindoschnuppern, gewöhne ich den frisch geschlüpften Paladin erst einmal an sein unmittelbares Umfeld. Dazu bestücke ich die vier vorzüglichen Keramikfassungen mit einem sehr anständigen Röhrenensemble, das der deutsche Distributor ebenfalls mitgebracht hat (selbstverständlich lässt Audio Note keinen Paladin-Kunden mit der Beschaffungsfrage allein). Als Eingangsröhre kommt fortan eine 6SL7 von RCA zum Einsatz, die Gleichrichtung übernimmt eine 5R4GA von Philips, und ein gematchtes Paar National Union 45 ist für die immense Leistungsentfaltung zuständig.

Ein solch feines Set gibt es natürlich nicht gratis „obendrauf“, gleichwohl treibt es den Gesamtpreis auch nicht in schwindelerregende Höhen. Ja, selbst mit den edelsten Traumgläsern ist ein komplett bestückter Audio Note Paladin noch sehr, sehr weit von der zunächst befürchteten Fünfstelligkeit entfernt. Zur Orientierung: Der nackte Grundpreis beträgt 2600 Euro. Für ein Standard-Röhrenensemble legt man unter Freunden ein paar Hunderter drauf, während für ganz exquisite Juwelier-Ware aus der Sammlervitrine schon mal ein Vielfaches davon fällig werden kann. So ganz exakt lässt sich die Gesamtsumme also nicht umreißen. Realistisch sollte zwischen 3000 und 5000 Euro alles möglich sein.

Diese beachtliche Spannweite liegt selbstverständlich auch in der Historie der 45 begründet. Sie wurde bereits im Jahre 1928 vorgestellt, zunächst als UX245 oder UN245; es kursieren aber auch 345 und weitere Bezeichnungen für dieses System. Historisch gesehen steht die 45 (245, 345 etc.) in direkter Ahnenreihe zu 201A, 112, 112A sowie 171, die sich zuvor seit 1921 auf dem stetig wachsenden Elektronenröhrenmarkt behaupten konnten. Vor allem in den USA kam die 45 als Standardbestückung für Radiogeräte millionenfach zum Einsatz. Zahllose Hersteller boten die enorm populäre Röhre zu entsprechend günstigen Preisen und in zig Varianten an.

Bekannter als die 45 ist heute ihre unmittelbare Nachfolgerin, die 2A3. Sie kam 1933 auf den Markt und vereint zwei 45er-Systeme in einem Glaskolben, kann also auch entsprechend mehr Leistung abgeben – was Ingenieure und Anwender dankend annahmen und durchweg als Vorteil werteten. In jener Zeit stand Leistungssteigerung halt höher im Kurs als der allgemeine Klangcharakter. Kein Wunder, schließlich sind die Einskomma-Röhrenwatt einer 45 auch an schrankwandgroßen Kino- oder Saalbeschallungen recht problemlos an ihre Grenzen zu treiben. High Fidelity nach aktuellem Verständnis? Audiophilie gar? Das wurde erst viel später zum Thema.

Also aufgepasst und mitgemacht: Mehr Leistung versprach mehr Freiheiten bei der Schallwandlung. So wurde dann schließlich auch die 2A3 durch die nochmals deutlich stärkere, unter Fans längst zur Legende (v)erklärte 300B abgelöst. Acht Watt für ein weiteres Halleluja.

Doch wir schweifen ab. Schiere Power ist seit Jahrzehnten kaum mehr diskussionswürdig; auch nicht unter Audiophilen. Wer’s braucht, kann mittlerweile ohne weiteres in Kilowatt- Sphären aufsteigen und auch die absurdesten Leisesprecher auf Linie zwingen.

Zugleich ist bei etlichen neuzeitlichen Lautsprechern eine interessante Rückbesinnung in puncto Wirkungsgrad festzustellen: Obwohl Amps notfalls Power ohne Ende liefern können, ist Effizienz (wieder) ernsthaft gefragt. Und das ist natürlich gut so, nicht nur wegen all der Klangverliebten, Soundhistoriker und Röhrenschwärmer, die nun einigermaßen entspannt zu – auch klanglich interessanten – Uralt-Verstärkern greifen, sich quasi eine verführerische musikalische Zeitmaschine ins Wohnzimmer holen können.

Allerdings sind in diesem Zusammenhang auch gewisse Zahlenspielchen dermaßen en vogue geworden, dass sogar der highfidele Langweiler-Mainstream sich zunehmend in Schönrechnerei übt. Nicht allzu selten werden selbst notorische Stromfresser mit einem angeblichen, wahrscheinlich ausgewürfelten Wirkungsgrad von mindestens 90 dB/2,83V/m dekoriert. Doch selbst dieser Wert, ob nun echt oder eben nicht, wird dem Paladin höchstens ein nachsichtiges Schmunzeln entlocken: „Das ist mir immer noch viel zu niedrig, Herrschaften – und erst recht mit euren komplexen Frequenzweichen, die passen einfach nicht zu mir.“

Diesem Amp geht’s also nicht nur um nominelle Effizienz „aufm Platz“, sondern darüber hinaus auch um ein leichtfüßiges, verstärkerfreundliches Zusammenspiel, um „fair play“, Respekt und gelungene Doppelpässe.

Und damit zurück zur 45. Nach einigen Jahren enormer Beliebtheit und ebensolchen Stückzahlen wandte man sich in den 1940er Jahren mehr und mehr anderen, moderneren Typen zu, sodass die 45 schon seit langer Zeit nicht mehr gefertigt wird, zumindest nicht in relevanten Stückzahlen. Gleichwohl ist eingelagerte Neuware („New Old Stock“, NOS) immer noch relativ problemlos verfügbar. Wie gelegentlich zu hören ist, soll es sogar wieder backfrische 45er geben – denen die historisch orientierte Szene allerdings mit der üblichen Skepsis gegenübersteht. Man wende sich zur Grundversorgung an den Tube- oder auch Valve- Dealer seines Vertrauens.

Apropos: Alexander Voigt hat neben dem Gläserquartett zum Selberstecken noch mehr Spielsachen dabei, die dem Paladin für ein paar Wochen zur Seite stehen und ihn, na klar, besonders gut dastehen lassen sollen. Schon entblättert der Deutschland-Distributor insgesamt fünf AN-Kartons, aus denen sich ein Vorverstärker, zwei Lautsprecher und zwei Mono- Endstufen herausschälen. Moment, Endstufen? Wozu das denn? – Oh, Fehlalarm: Die vermeintlichen Paladin-Konkurrenten entpuppen sich als zwei externe Frequenzweichen, die unmittelbar zu den Lautsprechern gehören. Man muss halt, wie immer bei Audio Note, schon ganz genau hinschauen und das Kleingedruckte auf der Frontplatte lesen, will man wissen, was man da eigentlich vor sich hat. Empfehlenswert ist auch, wenn gerade kein echter Auskenner zur Stelle ist, ein gewisser Durchblick beim AN-Programm, um nicht unangenehm aufzufallen. Ich habe es trotzdem bis heute nicht wirklich geschafft, das enorm umfangreiche AN-Portfolio wirklich zu durchfuchsen. Deswegen hatte ich ja auch beim ersten Anblick des Paladin so danebengetippt. Auch kann ich mir die typischen Krypt-o-Kürzel einfach nicht merken, obwohl AN-Insider immer behaupten, das wäre doch so simpel und logisch. Never mind the product range ...

„Mein“ Paladin jedenfalls markiert auch mit seiner feinen Bestückung weiterhin die reine Unschuld. Auch hat er sich unterdessen längst aufgewärmt, ohne dass man’s wirklich gemerkt hat: Sein Netzschalter liegt auf der Rückseite, eine Funktionsleuchte gibt’s nicht und die Heizfäden glimmen nur sehr sanft – aber das kennen Sie ja schon. Womöglich reibt sich der Paladin unter seinem Kupferchassis schon heimlich die elektronischen Hände, um endlich Musik spielen zu können. Zuzutrauen wäre ihm das. Für eine dicke Faust jedoch – wie etwa in „faustdick hinter den Ohren“ – wird es vermutlich nicht ganz reichen.

Wie auch immer: Diese markentreue Zusammenstellung aus Vorverstärker, Paladin und Lautsprechern sowie allen nötigen Kabeln ist nicht nur im Sinne des Kettengedankens willkommen, sie zeugt in gewisser Weise sogar von Mut. Der Vorverstärker beispielsweise, er heißt M1 Phono, ist seit nahezu zwanzig Jahren im Programm und kostet fix und fertig bestückt erheblich weniger als ein nackter Paladin. Die Lautsprecher hingegen hören auf den Namen – Moment, ein kurzer Blick auf den Lieferschein muss sein, um nur ja keinen Buchstaben zu vergessen – Audio Note E SPe HE Signature. Das Kürzel lässt AN-Auskenner womöglich jubeln, handelt es sich bei der vermeintlich harmlosen Box (selten beschreibt dieses Wort einen Lautsprecher so randscharf wie hier) doch um eine gehobenere Version aus der ohnehin schon gehobenen E-Serie, inklusive der schon erwähnten externen Weiche, penibelst gepaarten Treibersets und bläulich durchwirktem Hanfpapier-Tiefmitteltöner. Optional muss nur das Hochglanzmahagoni-Kleid bestellt werden. Und ein extraschweres Stativ.

Dieser Lautsprecher ist, obwohl er mit nur zwei Watt zum Spielen auskommen muss, keine Horn-, sondern eine Bassreflex-Konstruktion. Immerhin eine ausgesprochen effiziente Variante: Der offizielle Wirkungsgrad wird mit fast unglaublichen 98 Dezibel angegeben und mit ein paar Kniffs und Tricks (eckennahe Aufstellung, wohlwollende Messverfahren) auch ziemlich erreicht. Und bevor wir um das eine oder andere halbe Dezibel herumstreiten: Das High-Efficiency-E-Modell entpuppt sich in der Praxis als äußerst agil und verstärkerfreundlich. Der Paladin jedenfalls ist praktisch mit dem ersten Ton Feuer und Flamme für die E-Dame, die gegenseitige Sympathie ist unüberhör- und auch spürbar.

Ein paar Dinge werde ich dem Paladin vorerst nicht verraten. Zum Beispiel, dass die feine, unauffällige E-Dame beinahe ein halbes Vermögen kostet, ungefähr das Zweieinhalb- bis Viereinhalbfache von ihm selbst, im vollen Ornat. Wobei ihre sehr guten, aber auch brutal schweren Stative – sandgefüllter, bleibeschwerter Stahl aus der Abteilung Bandscheibenvorfall – noch gar nicht mit eingerechnet sind. Auch über die durchaus selbstbewusst ausgepreiste Verkabelung werde ich nicht ausführlicher berichten. AN-Kabel sollten, finde ich, integraler Bestandteil einer jeden AN-Kette sein; siehe auch hifi tunes – Das Anlagenbuch. Ich habe jedenfalls in allen möglichen Audio-Note- Systemen, und mitunter nicht nur da, noch keine besseren Verbindungen gehört. Punkt.

Eigentlich ist es unerhört! Kaum hat sich der Paladin, erst einmal nur zur Probe, im verlagseigenen Hörraum warmgespielt, hält er erst den Autor in Schach, dann einen Kollegen von seiner eigentlichen Arbeit ab. Denn kaum habe ich mich etwas länger als geplant (rund drei Stunden) von der ordnungsgemäßen Funktion des Amps überzeugt, trifft am frühen Abend der Kollege Draczynski ein. Ein rascher Austausch diverser Kleinigkeiten soll eigentlich einen halbwegs moderaten Feierabend einläuten (vor 21 Uhr). Doch wenn von irgendwoher die Musik verführerisch perlt, dann hat es auch ein eiliger HiFiist plötzlich nicht mehr ganz so eilig. Also überlasse ich dem darob Faszinierten Sofa, Soundsystem und Schallplattenauswahl, „nur für ein paar Minuten – zum Reinhören“. Na klar, nur zu. Ich habe sowieso noch etwas zu erledigen, oben am Schreibtisch.

Kurz nach Mitternacht beschließen wir, uns und dem Paladin samt getreuen Helfern eine kleine Nachtruhe zu gönnen. Außerdem steht nach einem beachtlichen Stapel schwarzer und silberner Scheiben fest, dass der Amp „kein Rock ’n’ Roller“ ist und ab einer bestimmten Lautstärke „einfach nicht mehr will“. Einig sind wir uns aber auch, dass der Paladin bis dahin, bis zu diesem wirklich stattlichen Pegellimit, ganz erstaunliche Dinge offenbart. Zumindest in dieser Kette weiß der Paladin mit subtilem Charme und erdiger Eleganz zu faszinieren. Er öffnet imaginäre Hochtonschleusen exakt so weit, dass die Musik ungehemmt fließen kann, ohne auch nur ansatzweise atmosphärische Details zu verwirbeln, schneidende Schärfen sind geradezu undenkbar. Sein Timbre scheint ins Angenehme zu tendieren, ohne je Langeweile aufkommen zu lassen. Stimmen wirken körperhaft und besitzen Kontur und Statur, mitunter sogar ein wenig Fülle, während fundamentale Bassgewitter naturgemäß eher nicht so ganz seine Sache sind. Gleichwohl stellt der Paladin auch großorchestrale Werke oder rockige Live-Gigs mit schimmernder Präsenz und energetischer Überzeugungskraft dar. Seine klangliche Kompetenz fällt jedenfalls deutlich großzügiger aus als gedacht (oder vorhergesagt). Der kleine Paladin umgarnt mich mit dem unmittelbaren Charme einer geradezu puristischen Schaltung. Dimensionierung, Bauteilauswahl und Feinabstimmung sind offenbar gelungen.

Ein paar Tage später zeigt der schmalbrüstige Engländer bei mir zu Hause, dass er auch mit deutlich größeren Lautsprecher-Kalibern partnerschaftlich kooperieren kann. An der kommodengroßen Dynavox Imperial – bestückt mit Altec-604 und Minimalweiche – beweist er Contenance und Willenskraft, indem er den standhaften 15-Zöller rücksichtslos befeuert. Hierbei scheint er zumindest einen Teil des zuvor im AN-Umfeld erlebten Charmes in arbeitsame Nüchternheit umgewandelt zu haben. Oder hat er einfach nur ein kleines bisschen Angst vor allzu heftigen Rückimpulsen des kapitalen Fünfzehnzöllers? Ich weiß es nicht. Musikalisch gibt es jedenfalls nix zu meckern, der Paladin wirkt auch hier erstaunlich unbeugsam und folgsam.

Nach rund zwei Wochen guter Führung darf er sich dann (endlich?) Roland Krafts Rondo nähern und wird kurzerhand mit einem stattlichen Shindo- und DIY-Bestand konfrontiert und auch gleich verbandelt. Auch unter diesen Umständen wahrt der Brite seine guten Manieren, wirkt mitunter fast schon ein wenig zu
artig, weil unbedingt auf tadellose Etikette bedacht.

Dennoch sollte man die Kirche im Dorf lassen: Angesichts von vollmundig bis geradezu schwelgerisch musizierender Konkurrenz muss der – zudem ganz erheblich preisgünstigere – Paladin ganz einfach ein wenig nüchterner wirken. Was wiederum nichts daran ändert, dass er mit dem ungewöhnlichen Breitband-Konzept der Rondo einen klasse Paarlauf hinlegt und offenbar im Team mit 96-Dezibel-Schallwandlern auch zu durchaus knackigen Pegeln aufgelegt ist. Nach einer weiteren Stunde hat sich dann auch ein Großteil seiner anfänglichen Schüchtern- und Nüchternheit verflüchtigt, die Performance gewinnt mit der Rondo insgesamt an Statur, Raumeindruck und Spielfreude, wirkt aber vor allem gegenüber der AN-Box ein klein wenig nüchterner, beamtischer. Immerhin beißt der Paladin weder zu, noch nimmt er krumm. Nein, er sorgt ganz einfach für gute Laune, auch hier. Dabei kommt er gänzlich ohne heroische Posen aus, mein stolzer, treuer Mäuserich aus der Zeitmaschine. Vielleicht ist er ja tatsächlich ein Götterbote – von Spezialisten für Spezialisten.

Cai Brockmann

Röhrenverstärker Audio Note Paladin

Prinzip: Röhren-Stereo-Endverstärker
Bestückung: 6SL7 (RCA), 5R4GA (Philips), 2 x 45 (National Union)
Leistung (8/4 Ω): 2 x 2 W
Besonderheiten: Netzschalter auf der Rückseite, Lieferung serienmäßig ohne Röhrenbestückung
Maße (B/H/T): 20/54/20 cm ohne Röhren
Gewicht: 11,2 kg
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis ohne Röhren: 2600 Euro

Kontakt


Audio Note Paladin

Bemerkenswert: Das Chassis der Paladin ist nicht von unten, sondern von oben zugänglich. Die gegeneinander verdrehte Montage der beiden Übertrager hilft, unerwünschte magnetische Kopplung zu vermeiden

Solche wirklich feinen Kupferfolien-Koppelkondensatoren garantieren für guten Klang

Keramik-Kathodenwiderstände mit Abstandshaltern und anständige keramische Fassungen für die 45

Netztrafo-Spannungsanpassung und eine Netzfilter-Kombinationskapazität oben auf dem Trafo

Vorverstärker M1 Phono: Audio Notes preisgünstige Einstiegsofferte ist optisch vielleicht kein Hingucker,

bildet klanglich aber ein prima Team mit dem Paladin

Auf die gute alte Art: Abschirmhülsen und gefederte Röhrensicherungen auch in der überarbeiteten MM-Phonostufe der M1 Phono

Totales Understatement: Die E-Serie von Audio Note umfasst zahlreiche Variationen, bevorzugt schwere Stative und musiziert schon mit zwei Watt richtig gut