hifi tunes: Der Blues steht mitten im Raum

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Der Blues steht mitten im Raum

Wie Frank Schröder im Morgengrauen der Musik zu mehr Klarheit verhilft

Seine Frau ist schon vor Stunden schlafen gegangen. Es ist mitten in der Nacht und Frank Schröder, der jetzt seine beste Zeit zum Arbeiten hat, schon deshalb, weil endlich das Telefon nicht mehr stört, sitzt in seinem Charlottenburger Altbau-Wohnzimmer, das gleichzeitig Materiallager und Werkstatt ist.

Er spannt ein 30 Zentimeter langes Stück Holz in seine Drehbank und stellt den Motor an, der zum Glück nicht laut genug ist, um seine Nachbarn zu wecken. Aber doch immerhin so laut, dass zumindest er nicht versehentlich einschlafen kann.

Der studierte Grafikdesigner Frank Schröder, 53 Jahre alt, schaut konzentriert durch eine Hornbrille, die eine Art Kontrapunkt zum feinen Bärtchen im unteren Drittel seines Gesichtes bildet. Ein Mann, der von seiner äußeren Erscheinung der Zeit entsprungen scheint, die ihm als Vorbild für gutes HiFi dient: Die 50er-Jahre mit ihren Röhrenverstärkern und Lautsprecherchassis, die, zumindest seiner Meinung nach, nicht selten besser sind als das, was heute für Geld zu erwerben ist. Abgesehen von wenigen Ausnahmen. Zum Beispiel seinen Tonarmen.

Frank Schröder arbeitet sich in den Gegenstand der Begierde. Der Holzstab, der einmal ein Tonarmrohr werden soll, muss durchbohrt werden, damit er das Kabel aufnehmen kann, das Verstärker und Tonabnehmer verbindet. Eine Stunde lang bewegt Schröder den filigranen Bohrer in kleinen Schritten und muss streng darauf achten, dass weder der Bohrer abbricht, noch dass er selbst unruhig oder verspannt wird. Man dürfe dafür nicht zu müde sein. „Auch ein Niesanfall“, sagt Schröder, „hätte fatale Folgen.“

Schröder bohrt sich durch die Nacht. Zwischen 25 und 75 Stunden sitzt er an einem Tonarm. Maximal 30 schafft er im Jahr. Je nach Ausführung muss der Kunde beim Händler dafür zwischen 1800 und 5600 Euro hinlegen. Dafür bekommt er den einzigen vollständig in Handarbeit hergestellten Tonarm der Welt. Und eine Reihe von Besonderheiten. Doch die Kunden müssen geduldig sein. Wartezeit: bis zu eineinhalb Jahre. Aber sie warten gern. Kommen zu ihm, weil sie sich in einer Zeit, da fast alles mit geringer Halbwertszeit produziert wird, sehnen nach einem Produkt für die Ewigkeit. Wer einen Schröder-Tonarm hat, muss sich keine Sorgen mehr machen, ob es noch etwas Besseres gibt. Möglicherweise hat er bereits das Beste gefunden.

Obwohl es ja genau diese Sorge ist, die den gemeinen HiFi-Freund in der Regel zu steter Unzufriedenheit verdammt. Letzten Donnerstag, beim Röhren-Stammtisch im Restaurant „Minakami“ hatte HiFi-Kollege Klaus Reeder, der früher mal beim WDR gearbeitet hat, behauptet, er kenne Leute, die je nach Musikrichtung ihre Lautsprecher wechselten. Sie hätten also 20 Anlagen zu Hause, je nachdem, ob sie grad sinfonische Klassik oder eher ein Jazztrio hören. Man könne auch nicht jeden Tag dasselbe essen, hatte Reeder gesagt und betont, dass das Ankommen, also die Zufriedenheit mit einer Stereo-Anlage, für ihn persönlich doch eher tragisch sei. Schon deshalb, weil das Neue ja viel mehr Zukunft enthalte, in diesem Sinne die Suche also hoffnungsfroher sei als das Ankommen.

Schröder hatte dagegengehalten, es lohne sich an einer langen Wanderung. Auch dort könne man ja an einem schönen Ort längere Zeit verweilen. Deshalb sei es zum Beispiel auch „völlig in Ordnung, längere Zeit mit derselben Anlage zu hören“. Bis die Erkenntnissuche dann möglicherweise wieder dazu führt, zu neuen Orten aufzubrechen. Zur Ruhe scheint der typische HiFi-Freund immer nur vorübergehend kommen zu können. Oder er findet seine Ruhe in einem Arm Schröders. Dabei klingen seine Arme ja nicht, um Gottes Willen, was für ein Missverständnis, er, Schröder, ist völlig dagegen, einen Arm so zu bauen, dass er einem bestimmten Hörgeschmack entspricht. „Die Qualität meiner Tonarme liegt gerade in der Abwesenheit eines Klang-Charakters!“ Es seien keine Musikinstrumente, sondern eher das, was man als Äquivalent eines Messinstruments betrachten sollte, präzise und so neutral wie möglich. „Meine Arme klingen nicht nach einem bestimmten Holz oder einem bestimmten Lack.“ Sie stören die Musikwiedergabe nur viel weniger, als es konventionelle Arme tun.

Eine Geige über einen Schröder-Tonarm wiedergegeben, ist eine Geige und keine Bratsche. Der Arm führt ohne Umwege in die Musik. An den Aufnahmeort. Ins Konzert. Und bei richtiger Handhabung, wie Schröder sagt, „zu einem Ergebnis, das einen schnell vergessen lässt, dass man 'ne Menge Geld dafür ausgegeben hat“. Stets versucht Schröder, die Musik freizulegen, ihre Essenz, sie herauszuschälen aus schädlichem Beiwerk, jegliches Störende von ihr fernzuhalten, oder, wenn dies aus technischen Gründen nicht möglich ist, jedenfalls nicht hörbar werden zu lassen. Natürlich gibt es jene Kollegen, die mit Messgeräten einen Klang scheinbar objektivierbar machen wollen, aber Schröder hört lieber auf seine Ohren, denn zu oft hat er feststellen müssen, dass Geräte mit vermeintlich schlechteren Mess-Werten am Ende oft dennoch besser klangen. „Das geschulte Ohr ist empfindlicher als jedes Messgerät“, sagt Schröder. Das heißt natürlich nicht, dass er nicht messen würde, nur gibt er jenen Werten eben keine Entscheidungshoheit, sie sind nur eine Information unter vielen und auf einen Platz verwiesen, der stets hinter dem persönlichen Höreindruck liegt. Dabei kann Schröder, anders als viele andere Klang-Enthusiasten, seine Analyse-Ohren auch einfahren, einen Schalter umlegen, der ihn die Freiheit unverstellten Musik-Genusses erleben lässt. Er muss die Musik nicht sezieren, auf Mittenreichtum oder Bassfundament achten, auf Schleier, die sich über ein Instrument legen oder Geigen, die dosig klingen oder gar nicht nach Holz. Er kann abstrahieren und wenn es die Situation erfordert, auch auf einer schlechten Anlage Musik genießen.

Zum Glück ist das eher selten.

Schröder sagt, wenn er einen technischen Gegenstand betrachte, wisse er sofort nicht nur, wie er funktioniere, sondern auch, was sich sein Schöpfer im Augenblick des Entwurfs dabei gedacht habe. Er durchdringt die Dinge und legt Konstruktionsfehler so schnell bloß, dass er sich bei seinem Urteil, wenn er darum gebeten wird, stets um ein Maß bemüht, das den anderen nicht vor den Kopf stößt. Man kann nicht behaupten, er hätte nicht gern recht, das Problem ist nur: In der Regel hat er es auch. In der zweiten Klasse hatte ihm sein Lehrer ins Zeugnis geschrieben: „Frank muss es noch lernen, sich gegenüber seinen Mitschülern duldsam zu zeigen.“ Weil er sich diesen Satz gemerkt hat, gibt er heute sein Wissen, eher branchenunüblich, freimütig weiter – was mit dazu beitragen mag, dass sogar seine Konkurrenten nicht in der Lage sind, irgend etwas Schlechtes über ihn zu erzählen.

Seine Frau, ebenfalls musikaffin, spielt Geige im Quartett und ist, wie Schröder sagt, höchst tolerant, was seine musikalischen Leidenschaften angeht. Sie bemängelt gelegentlich eine gewisse Unordnung, stellt aber keine weitergehenden Forderungen zur Auflösung dessen, was er gern als „Zwischenstadium“ bezeichnet, sie aber seit vielen Jahren schon als Dauererscheinung wahrnimmt. Das gleichschenklige Dreieck, die ideale Hörposition vor den Lautsprechern, missachtet sie nonchalant. Wenn sie hört, sitzt sie irgendwo an der Seite auf dem Sofa. Frank Schröder liebt seine Frau gerade deswegen.

Es gibt auch andere. „Audiophile Frauen trifft man selten“, sagt Schröder mit leichtem  Bedauern in der Stimme. Mitunter sind sie regelrechte Hörverhinderer. Ein Kunde von ihm, der einen Plattenspieler hat, der aussieht wie eine Bohrinsel, und auch beinahe so viel kostet, hat sich neulich Lautsprecher für 70000 Euro zugelegt, die seiner Frau nicht gefielen. Auf ihre Intervention hin dürfen sie jetzt ausschließlich hinter der Gardine stehen. Eine elegante Maßnahme, die optisch aufdringlichen Kolosse ganz untechnisch zu domestizieren. Die klanglichen Abschläge machen ausschließlich ihrem Mann zu schaffen. Schröder erhebt sich von seinem Arbeits­tisch und geht durch die schmale Gasse, die ihm Lautsprecherchassis, Phonoverstärker und 12 000 Schallplatten gerade noch lassen, zu einem Commonwealth 12 D-Studioplattenspieler einer australisch-tasmanischen Firma. „Kommt man heute nicht mehr so leicht ran“, sagt Schröder, bei dem der aktuelle „State of the Art“ oft an historischer Spitzentechnik gemessen wird. Nicht nur, aber gerade in der HiFi-Branche habe sich vieles zum Schlechteren entwickelt. „Hören Sie doch mal, wie so ein Plattenspieler klingt…“ Und dann führt er, still lächelnd, seinen Referenz-Tonarm auf die Eingangsrille einer Muddy Waters LP: „Oh yeah, every­thing's gonna be allright this morning“, singt der alte Blues-Mann. Und steht mitten im Raum.

Weitere Platten folgen.

Wenn man irgendwann, widerwillig, aber doch notwendig, wieder aufgetaucht ist aus der Musik, diesem völligen Fallenlassen in sie, ist es schwer, in das Frageschema eines Journalisten zurückzukehren. Alle Fragen sind jetzt eigentlich beantwortet. Man steht ja auch nicht vor dem Meer und fragt: Wozu gibt es das Meer? Es ist einfach da. Und macht etwas mit uns.

Streng genommen entzieht sich Musik einer Beschreibung durch Worte, sie ist etwas, das man vor allem fühlt. Ein Muster aus Schallwellen, die in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen, uns von Geburt an prägen und tief berühren können. Wer seinem Lieblingsstück lauscht, flutet sein Vorderhirn mit Dopamin. Das Allegro aus  Bachs 4. Brandenburgischen Konzert verringert nachweislich das Stresshormon Cortisol im Blut. Musik kann heilen, ordnen, zu sich selbst führen oder in eine fremde Welt. Musik ist der direkte Zugang zu den Emotionen.

Deshalb müsse man so achtsam damit umgehen, sagt Schröder.

Natürlich sei im Vorteil, wer über eine gute Anlage verfügt. „Wer zeitgenössische klassische Musik über eine, sagen wir, mäßige Anlage hört, hält das in der Regel keine zehn Minuten aus.“ Weil der Kopf gefordert ist, intellektuell zu erfassen, was gerade passiert. Und eine mittelmäßige oder gar schlechte Anlage noch mehr Konzentration erfordert, also auch schneller ermüdet. „Das ist nun grade nicht der Sinn!“ Man soll ja hineingezogen werden, und nicht abgeschreckt.

Schröder versteht sich als Mittler zwischen Musik und Hörer. Eine Art Türsteher, der in die Welt der Töne einlässt, ihre Nuancen hörbar macht und das Wesen einer Komposition. Er zieht tiefe Befriedigung daraus, wenn er einem Kunden dieses ungläubige Staunen ins Gesicht zaubert, weil der eine Schallplatte, von der er dachte, er kenne sie bereits gut, mit einem Schröder-Tonarm auf einmal völlig neu erlebt. Wenn ältere Herrschaften plötzlich „geil!“ sagen, „unglaublich“ oder auch gar nichts mehr. Es wird mit seinen Armen ja nichts harmonisiert, gefälliger oder geschönt, Gutes klingt besser, Schlechtes aber noch schlechter. Was nicht von Geist durchdrungen, wird als geistlos erkennbar, Beseeltes aber zum dramatischen Erlebnis. Es ist ja kein Nebenbeihören, sondern ein völliges Sich-der-Musik-Verschreiben, der Wille, tief in sie einzudringen, zu verstehen.

Frank Schröders Schatzkiste: edle Holzrohlinge, die alsbald einen neuen Tonarm schmücken.
Feinste Metallverarbeitung: hier das Gegengewicht mit der VTF Feineinstellschraube

Schröders Tonarme erwecken alte Tonträger zu mehr Leben, als es jedes, scheinbar moderne, aber doch in der Regel informationsreduzierende, digitale Format zu leisten imstande ist. Inzwischen können zwar auch hochauflösende „High-Res“-Formate  auf Computer oder Musikserver geladen werden, die vom Frequenzgang her mit der Platte mithalten können. Aber die digitalen Grundfehler bleiben erhalten: Phasenverschiebungen, Intermodulationsverzerrungen und das sogenannte „Jitter“, eine Genauigkeitsschwankung im Übertragungstakt. Das führt dazu, dass die Platte detailauflösender ist, ihre Klangfarbenwiedergabe „natürlicher“. Vielleicht ist ein Tastendruck am Computer bequemer als pflegeintensive Scheiben, die man vor Kratzern hüten und sogar waschen muss, damit ihre technische Überlegenheit nicht in einem gewaltigen Staubknistern untergeht. Aber ist es der Mühe nicht wert?

Schröder, der auf der letzten analogen Insel, umgeben von einem Meer akustischer Beliebigkeit, die Fahne der Hörkultur hisst, sagt, er habe Freude daran, Jüngeren aufzuzeigen, wie viel ihnen verloren geht, wenn sie sich die Musik aus dem Internet herunterladen. Zum Beispiel die Jungs-WG unter ihm. Freunde seines Sohnes, alle Anfang 20, die zum Teil ganz ähnliche Musik hören wie er, aber auf andere Weise. Als sie das erste Mal zwischen Schröders selbst gebauten Röhrenverstärkern, den offenen Schallwänden und all den Schallplatten aus einem anderen Jahrhundert saßen, waren sie erstaunt, wie realistisch eine so „altertümliche“ Anlage doch klingen kann. Wie viel Leben in einem tot geglaubten Medium steckt und wie sie auf seltsame Weise berührt waren, weil die Musik näher zu ihnen gekommen war, als sie es bis dahin kannten.

Schröders Tonarme sind immer noch Geheimtipps. Das mag daran liegen, dass er seine Produkte nicht bewirbt. Natürlich gibt es zuweilen Anfragen von HiFi-Fachzeitschriften, die seine Arme testen wollen, aber fast immer lehnt er ab. Weil er sich nicht wiederfinden möchte in einer Gruppe von Herstellern, die ausschließlich über Prestige und Erscheinungsbild verkaufen. Weil ihm hochglanzpolierte Frontplatten völlig egal sind. Und ihm der Zusammenhang zwischen Testergebnissen und  der Häufigkeit der Anzeigen vom selben Kunden suspekt er­scheint. „Ich habe noch nie eine einzige Anzeige geschaltet“, sagt Frank Schröder.

Auch wenn er selbst in einer kleinen Nische von ihr sitzt, betrachtet er die HiFi-Industrie recht skeptisch. In der Zeit vor 1980 habe es keine so häufigen Modellwechsel wie heute gegeben. Die Elektrostaten der Firma Quad etwa wurden von 1957 bis 1996 unverändert produziert. „Weil sie’s gleich richtig gemacht haben!“, sagt Schröder, der es für eine Perfidie des Systems hält, dass der Kunde heute permanent zu Upgrades gezwungen wird. Weil er ja sonst das Gefühl hat, eben nicht mehr auf dem Stand der Technik zu sein.

Schröder interessieren keine Menschen, die sich Stereoanlagen als Statussymbol zulegen. „Die haben dann manchmal nur zwei Dutzend Schallplatten im Regal, davon sind fünf grade noch erträglich, der Rest ist totaler Mist.“ Aber höchstwahrscheinlich gut aufgenommen. Es ärgert ihn, wenn er es nicht mit Musik-, sondern „Anlagenhörern“ zu tun hat, die eine gute Aufnahme stets über die Interpretation stellen. Die glücklich sind, wenn sie das Klappengeräusch bei der Oboe hören, aber Karajan nicht von Furtwängler unterscheiden können. Die tiefe Bässe wollen und gern auch Celli, nicht weil es so schöne Instrumente sind, sondern weil es die Anlage „untenrum“ so gut fordert. Fragt ihn ein Kunde, ob sein großer Tonarm nicht besser für ihn geeignet sei als sein Einstiegsmodell, kann es sein, dass er antwortet: „Wenn ich Sie wäre, würd ich mir den billigsten meiner Tonarme kaufen und das Gesparte in Konzertkarten investieren!“

Schröder setzt sich wieder an seinen Arbeitsplatz und saugt ein paar Metallspäne von der Arbeitsplatte. Er wird nun darüber referieren, was das Besondere an seinen Tonarmen ist. Was sie von der Masse der anderen trennt. Und warum es dabei nicht um Technik, sondern um die Musik geht. Er redet ebenso gern wie ausdauernd darüber und hin und wieder muss man ihn unterbrechen, weil er sich gern einer technischen Sprache bedient, der der Laie zuweilen nicht folgen kann. Schröder sagt: Ein Hauptziel seiner Entwicklungen „war und ist und wird bleiben“, systemimmanente Fehler nicht durch bessere Kugellager und Aufrüstung bei den Materialien zu vermindern, sondern „etwas zu entwerfen, das diese Fehler komplett eliminiert“. Die normale Lagerreibung konventioneller Tonarme verursacht stets Störungen des Abtastvorgangs und damit einen musikalischen Informationsverlust. Wenn es nun aber ein System gäbe, bei dem man Trittschall, Motorvibrationen und Lagerreibungseinfluss vom Tonabnehmer fernhalten kann, hätte man einen weitgehend ungestörten Musikgenuss, dachte sich Schröder. Und entwickelte eins.

Hier wird gerade mithilfe einer Drehbank ein Armrohr durchbohrt, damit die Tonarmkabel aufgenommen werden können; ein Unterfangen, was ein hohes Maß an Präzision fordert.
Ein Teil des Arbeitsplatzes: Messgeräte, Öle, Tinkturen und Poliermittel geben sich ein Stelldichein.
Was für den Unbeteiligten ausschaut wie das pure Chaos, ist dergestalt, dass Frank blind da hineingreift und immer genau das zur Hand hat, was gerade benötigt wird.

Bei seinem patentierten Einpunkt-Fadenlager mit Magnetstabilisierung bewegt sich der Tonarm um einen filigranen, aber sehr belastbaren Faden und wird lediglich gehalten durch die Anziehung zweier kaum daumennagelgroßen, aber äußerst starker Magneten. Von außen betrachtet scheint der Tonarm zu „schweben“. Die Idee stammt aus der Beschäftigung mit alter Uhrentechnik und kinetischen Objekten. Eine weitere Besonderheit: Schröder verwendet in der Regel Holz für seine Tonarmrohre. Holz ist verwindungssteif und hat eine hohe innere Dämpfung. Der Tonarm soll durch das Abtas­ten der Platte nicht zum Schwingen angeregt werden. Genau dies ist aber bei praktisch allen Tonarmen der Fall. „Auch bei meinen“, attes­tiert Schröder, „aber in deutlich geringerem Maße als bei herkömmlichen Tonarmen“.

So stark zu bedämpfen, dass überhaupt nichts angeregt wird, sei de facto unmöglich. Selbst wenn eine Mücke gegen die Cheopspyramide fliegt, sagt Schröder, könnte man dies mit entsprechend empfindlichen Messmitteln natürlich feststellen. „Es ist alles eine Frage der Dimension.“ Mit diesem schönen Bild mag allerdings auch gesagt sein, wie groß er die reale Gefahr einschätzt, seine Arme könnten sich zu hörbaren Resonanzen anregen lassen. Cheopspyramiden lassen sich nun einmal nicht so schnell erschüttern.

Nein, er mache das alles nicht, weil er aus­schließlich technikbegeistert sei, sondern stets als Mittel zum eigentlichen Zweck: Schallplatten so realistisch wie möglich wiederzugeben. Er möchte die Illusion erzeugen, dass sich der Hörer an den Ort der Aufnahme zurückversetzt sieht. Und alles um sich herum vergisst. Sich der Welt entrücken und auch noch selbst bestimmen, wohin man sich entführen lässt. Schröder sagt, mancher Kunde könne sich auf diese Weise in seine Jugend zurückversetzen, daran denken, wie er seine Frau kennengelernt habe. „Es gibt 1000 Gründe, warum man Musik hört.“ Und viele davon sind so persönlich, dass man sie nicht durch einen Konzertbesuch wiederbeleben kann. Wohl aber durch das Auflegen einer Platte. Schröder richtet die Schraubenköpfe gleich aus und achtet stets auf das Anzugsmoment. „Hören Sie“, sagt Schröder, holt einen Reparaturarm hervor und klopft vorsichtig an den Lagerblock. „Es macht pling, pling, pling“, viel zu hell, wo es doch eigentlich „pep, pep, pep“ machen müsste. Ein Hinweis darauf, dass der Kunde an den Schrauben herumgedreht haben muss, „wahrscheinlich hat er versucht, den Arm auseinanderzunehmen, um ihn nachzubauen.“ Aber das versuchen ja viele. Genau hat er es nicht gezählt, aber alles in allem sind es mehrere Hundert Arbeitsschritte, die die rund 30 Teile eines großen Arms zusammenführen. „Die meisten Menschen machen sich kein Bild, wie viel Zeit da drinsteckt.“ Wie viel harte körperliche Arbeit. Wie viele Besuche bei seinem griechischen Physiotherapeuten. Bei der Fertigung seiner Arme, sagt Schröder, gibt es keinen Raum zum Schummeln, „keine Alternative zur Perfektion“. Von außen betrachtet sehen sie ja recht einfach aus, aufs Wesentliche konzentriert. Aber das ist auch der Sinn der Sache. Zuerst wird die Basis gebaut, dann der Tonarmlift, das einzige Teil, das er nicht gänzlich alleine macht, angepasst. Der untere Teil des Magnetlagers wird eingesetzt, es folgt das Armrohr, dann das Gegengewicht.

In der Regel ist er, was das Äußere betrifft, nur in überschaubarem Rahmen kompro­miss­bereit. Wenn also jemand alles vergoldet haben möchte, oder, wie geschehen, noch 25 Swarowski-Edelsteine obendrauf, muss er sich jemand anderen suchen. „Das ist nicht meine Sache“, sagt Schröder.

Das Gegengewicht, das später einmal das Tonarmende zieren wird, steht kurz vor der Fertigstellung. Die letzten Staubkrümelchen werden mit einem Blasebalg abgepustet. „Trainiert die Hand und schont die Ozonschicht.“ Dann taucht er das Gewicht in Klarlack und hält es, bevor er es zur Sicherheit in den Schrank stellt, eine Weile zum Trocknen in der Hand. Jetzt bloß nicht husten. Am besten gar nicht atmen.

Von draußen nun schon Vogelgezwitscher, als der neue Arm im Morgengrauen langsam Konturen gewinnt.

Andreas Wenderoth