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Timothy Gurney und 13a Audio

Historische Western Electric Kinohörner heute

Man soll die Dinge so einfach machen wie möglich – aber nicht einfacher.
(Albert Einstein )

Es ist ein heißer Tag in Courbevoie, einem fast dörflichen Vorort von Paris mit Blick auf La Défense. Swisch, swisch, swisch – mit metrischer Regelmäßigkeit fährt ein Hobel aus dem Jahr 1924 über eine Holzplanke. Timothy Gurney, Businessman aus Birmingham, der schon lange in Frankreich wohnt, baut ein Western Electric 13a Kino-Horn nach – ohne CNC-Maschinen, ohne Fräse, mit historischen Werkzeugen und neuen Messern. Warum macht jemand so etwas? Was bewegt einen erfolgreichen Firmenlenker dazu, etwas scheinbar so Abseitiges zu tun? Und lohnt das Ergebnis überhaupt den enormen Aufwand? Lassen Sie sich überraschen.

Timothy Gurney, der Macher im wahrsten Wortsinn
Hier mit einem Paar fertiger 12a-Hörner, die für eine bestimmte Verwendung hochkant aufgestellt werden
Eine historische Aufnahme von einem bewaffneten, bewachten Transport der großen WE-Kinohörner
So beginnt es...
Das bereits „trocken“ gelieferte Holz trocknet Gurney in einer eigenen Kammer zur Sicherheit noch nach
Querschnitt durch das Holz, das Gurney für seine Hörner verwendet. Aber man sieht hier auch die bereits herausgearbeitete, quasi unmögliche Form

Timothy Gurney ist ein Macher, ein Selbermacher im eigentlichen Wortsinn. Er ist ein Pragmatiker, aber ein wenig auch Romantiker – wie sonst könnte man sich so einem Projekt widmen? Gurneys Kindheit und Jugend war bewegt. Einige Jahre lebte die Familie auf Guernsey. In der dortigen Schule konnte man ein praktisches Fach wählen – Tim wählte das Schreinern. Die Eltern trennten sich jedoch früh und der Vater zog mit den Kindern nach Südfrankreich um. Dort gab es ein Haus zu restaurieren, und sein Vater nahm den Jungen in die Pflicht. Zwischen seinem 13. und 14. Lebensjahr baute Tim 72 Fenster, sämtliche Türen, Treppen, Schränke und die gesamte Küche. Als Backup hatte er genau 2 Bücher und nur ein rudimentäres Arsenal an Werkzeug zur Verfügung. Jedes Mal, wenn er ein neues Werkzeug brauchte, musste er seinem Vater detailliert erklären, wozu er es brauchte. Man muss sich das einmal vorstellen, was für eine Verantwortung und was für eine Leistung für einen Teenager! Wen wundert es, dass aus diesem Jungen ein Selfmademan wurde. Er spricht häufig vom Weg und dem Prozess, den er so liebt. Kriterien, die bei der Arbeit an den großen Kinohörnern ganz entscheidend sind. Hatte ich Gurney Romantiker genannt? Die beiden Schreinerbücher aus seiner Kindheit waren ihm abhandengekommen, erst kürzlich hat er sie sich auf ebay wieder gekauft. Gurney sagt:  „Als ich 16 Jahre alt war, fing ich an, mich mit Tonbändern zu beschäftigen. Mein Vater besaß Raubkopien von Konzerten aus den 50er- und 60er-Jahren, die ich auf einer Grundig Maschine mit integriertem Lautsprecher abspielte. Daneben gab es einen Speicher voll mit seinen Jazzschallplatten, da er sich ganz der Klassik zugewendet hatte. Aber mir kam es nicht in den Sinn, mir einen Plattenspieler zu besorgen und er erlaubte mir nicht, seinen zu benutzen.“ Wenig später verließ er nach einem Streit mit praktisch nichts sein Zuhause und kehrte nie mehr zurück. Arbeit und Reisen um die ganze Welt führten ihn schließlich nach Paris, wo er Mitte der 80er- Jahre erste Wurzeln schlug. Dort baute er sich mit seiner Erfahrung und mangels Budget alle Möbel selbst. Ende der 80er, Anfang der 90er-Jahre reduzierte er seine Reisen und hatte erstmals sowohl Muße als auch die Mittel, um sich der High-End-Welt zuzuwenden: Linn, Naim, Micro Seiki, Koetsu, Esoteric, VAC, Nagra, Lamm, Davinci Audio, Magico und am Ende dieser Entwicklung eine komplette Kondo-Kette durchliefen seine Hörräume. Richtig zufrieden war er jedoch nie – eine typische High-Ender-Geschichte also.

Dazu Gurney:  „Ich hatte schon früher Elektronik-Komponenten gebaut, aber 2005 war dann das Jahr, in dem sich alles änderte. Ich machte eine Pause vom Business und lernte  William Walther (Chef des legendären Maison de L’Audiophile) in seinem Pariser Geschäft in der Rue de Chine kennen. Ich stapfte einfach hinein und hörte ein Pärchen seltener Altec A8 Lautsprecher mit einem kleinen Hörnchen obenauf, angetrieben von einem seltsam aussehenden 300B-Verstärker und als Quelle einem Garrard 301 mit SME 3012 Tonarm und Denon 103 Tonabnehmer, der an der Headshell mit einer Münze beschwert worden war. Der Klang traf mich mit seiner Selbstverständlichkeit und Au­thentizität ins Mark. Stunden später wachte ich quasi wieder auf und kaufte die A8 und die kleinen Altec Hörner. Im Gegenzug verkaufte ich meinen gesamten High-End-Kram und war seither glücklicher als je zuvor mit der Musikwiedergabe zu Hause.“ Das war also der Startschuss. Nun kamen die Freude und die Befriedigung am Arbeiten mit Holz zurück und wenn Mr. Gurney etwas anpackt, dann richtig. Er baute mit dem Westrex 825 eine Variante der berühmten Voice of the Theater Lautsprecher nach und von da an ging es Schlag auf Schlag – ein historisches Gehäuse folgte auf das andere. Schon da hielt er sich streng an die originalen Vorgaben bezüglich des Holzes, der Wandstärken oder der Dämmung, was sehr schlau ist, denn wie sonst sollte er herausfinden, was die Konstrukteure gewollt hatten, ob ihm das gefiel und ob er es eventuell variieren mochte. Wobei er ein strikter Freund der Originalität ist und bleibt und nur Dinge verändert, wenn sie sich heute nicht anders realisieren lassen oder er eine wirklich überlegene Lösung findet. Vor etwa 7 Jahren begann er dann, Western Electric Elektronik und Bauteile zu sammeln und zwar, als er sich das Wissen angeeignet hatte, wie man diese Geräte warten und reparieren kann. Heute sind WE 49, WE46, WE92b und WE86 Verstärker sowie viele seltene Bauteile in seinem Besitz. Und natürlich eine Sammlung seltener WE 555 Feldspulen-Horn-Kompressionstreiber, die als idealer Antrieb für die großen Kinohörner gelten, die er heute nachbaut.

Hier erkennt man sehr gut die Komplexität des Aufbaus der 13a. Die Rundungen werden zu 100% plan
Kein Metall wird innerhalb des eigentlichen Holzhorns verwendet – nur Holzdübel und Knochenleim
Der Rohaufbau der Schallführung bis zum Hormund
Das ist nun der fertige 13a-Horn-Trichter, bevor das Metall angeflanscht wird ...
Beschläge und Horntrichter aus Gusseisen für ein 12a
... was man auf diesem Bild hervorragend erkennt. Die Liebe zum möglichst originaltreuen Detail ist unfassbar

Hier kommt meine persönliche Reise ins Spiel. Vor etwa 7, 8 Jahren begann ich, mich für Western Electric Hörner zu interessieren. Das kam durch mein Interesse an historischem Audio zustande. Ich betrieb lange ein wunderbares Paar Klangfilm Coax Lautsprecher in 6-eckigen, nach hinten offenen Gehäusen und war, nachdem ich diese verkauft hatte, auf der Suche nach Alternativen. Dabei stieß ich auf die Seite eines Italieners, der WE 15a Hörner nachbaute, und fragte ihn, was denn so ein Horn koste – es war ­eindeutig zu teuer für mich. Aber der Mann verwies mich an einen Kunden in der Nähe von München, der ein Paar seiner Hörner in Betrieb hatte. Ich kontaktierte ihn und machte einen Hörtermin aus. Was mich dort erwartete, änderte meine Wahrnehmung für immer: So einem raumfüllenden, authentischen, dynamischen und doch niemals aggressiven Klang war ich noch nie begegnet. Und was mich besonders beeindruckte: Im Gegensatz zu mancher Silbatone-Vorführung auf der High End in München klang das absolut nicht historisch – obwohl die gesamte Kette mit Western Electric Elektronik ausgestattet war. Was mich umhüllte, war schlicht ein Raum voller Musik. Das lag daran, dass dieser Kenner seinen Raum jahrelang perfekt optimiert hatte.

Mein Weg führte mich allerdings bis heute noch nicht zu solchen Installationen, was vor allem an der substanziellen Investition liegt, die mit solchen Kino-Hörnern einhergeht. Daneben stellt sich auch die Platzfrage, obwohl man solche Hörner auch in nicht übermäßig großen Räumen betreiben kann. Jedes Horn – man könnte sich ja auch für ein Mono-Setup entscheiden – braucht neben einem idealerweise originalen Western Electric 555 Feldspulen-Kompressions-Horntreiber und dem dazugehörigen Netzteil einen Hochtöner und einen Bass für befriedigendes Hören. Beim Hochtöner wäre ein WE 597 der Treiber der Wahl, auch er braucht ein Netzteil. Und dann der Bass. Ein 18 Zoll Feldspulenbass, gerne auch zwei, ebenfalls mit Netzteil, montiert in einer sehr großen offenen Schallwand, die wieder aus besonderem Holz gebaut sein muss und was die Positionierung und andere Parameter betrifft, sehr fein abgestimmt sein muss. Sie können sich denken, dass 18 Zoll Feldspulenbässe nicht an jeder Straßenecke zu kaufen sind und wenn sie auftauchen, elend teuer gehandelt werden. Alternativen im Hochton sind Modelle von Electro Voice oder JBL, im Bass könnte man sich etwas von Wolf von Langa bauen lassen. Dennoch, für eine Stereoinstallation noch ohne Verstärker landet man leicht bei einem 6-stelligen Betrag.

Zurück zu Timothy Gurney. Auf der Münchener High End 2011 hörte er im Raum von Silbatone – denen ein eigener Artikel in diesem Buch gewidmet ist – ein Western Electric 16a Schneckenhorn, das aus Blech geformt wurde. Was dieser zu deutlichen Resonanzen neigende Hornlautsprecher an Emotionen, an Unmittelbarkeit und Natürlichkeit vermitteln konnte, war genau das, wonach Gurneys innerer Klangkompass final suchte. Doch als er Silbatone-Chef Michael Chung und dessen rechte Hand Joe Roberts ansprach, setzten die ihm einen weiteren bösen Floh ins Ohr: Die 12a und 13a Hörner von Western Electric, das seien die „richtigen“, die eigentlichen Superhörner. Joe nennt sie Adam und Eva der Hörner für Musikwiedergabe. Auf seinem blog „junkyardjukebox.blogspot.com“ schreibt Roberts über die beiden Hörner im Zusammenspiel: „Nach Jahrzehnten, in denen ich den Mythos konstanter Verbesserung im Audiobereich ständig infrage gestellt habe, konnte ich endlich das allererste Kino-Hornsystem überhaupt hören und es könnte gut sein, dass es das beste überhaupt ist. Das haut selbst mir, der ich seit Ewigkeiten mit fantastischen Vintage-Komponenten zu tun habe, den Zeiger raus. Mir ist klar, dass es schwer zu verstehen und unmöglich zu erklären ist, dass Lautsprecher aus dem Jahr 1926 sämtliche Nachfolger in vielen grundsätzlichen Disziplinen gewissermaßen in den Arsch treten.“ Er führt weiter aus, dass durch die Seltenheit dieser Hörner kaum jemand in den Genuss ihrer Qualitäten kommen dürfte. Nun denn, genau diesen Riesenfloh setzten die beiden Silbatone-Macher Timothy Gurney ins Ohr, auch um ihn zu reizen, aber ohne dass sie irgendeine Erwartung damit verknüpft hätten. Doch Chung machte Gurney auch klar, dass er keines dieser im Original praktisch unauffindbaren Hörner bekommen werde, denn sollte eines auftauchen, werde er es selbst kaufen. Was macht ein Selfmade-Mann wie Gurney? Er trifft eine Entscheidung: dann baue ich sie selbst. Doch auch da schüttelten die Profis den Kopf: „Impossible.“ Geht nicht, gibt’s nicht, sagt schon die Baumarkt-Werbung und so geht Timothy Gurney seinen Weg. Bald findet er ein originales 16a Horn, das bis heute in seinem Büro spielt. Doch das ist erst der Anfang. Er kaufte ein Paar 15a Nachbau-Hörner, die im Gegensatz zu den originalen aus heutigem Multiplex gebaut waren. Ein Umstand, den Gurney schnell erkannte, wozu ich gleich noch kommen werde. Dann kaufte er sich ein originales WE 22a Horn. Alles analysiert er, er will verstehen, was diese Klangmagie ausmacht, woher sie kommt.

13a noch im Rohzustand und schon so elegant
Der fertige, vorbehandelte Hormund vor der Lackierung ist für sich genommen bereits eine Augenweide
Die inzwischen lackierten Einzelteile des Horns warten nun nur noch auf ihren Zusammenbau
Es ist nicht mehr weit bis zum endgültig fertigen Horn. Die Spannung steigt: Passt wirklich alles?

Ihr Ursprung liegt in den frühen 1920er-Jahren. Obwohl schon im September 1922 der erste Film mit integrierter Lichttonspur uraufgeführt wurde, dauerte es noch einige Jahre, bis der weltweite Siegeszug des Ton-Films mit der Premiere des Streifens „The Jazz Singer“ 1927 endgültig ihren Lauf nahm. Federführend bei dieser Entwicklung war die nordamerikanische Firma Western Electric. Die hatten 1924 ein komplettes System für Aufnahme, Wiedergabe und  synchronisiertem Ton fertiggestellt, das sie nun an Hollywood verkaufen konnten. Western Electric erregte das Interesse eines zu diesem Zeitpunkt zweitrangigen Studios namens Warner Bros. und gründete 1926 mit Warner eine gemeinsame Firma mit dem Namen Vitaphone Corporation, deren Ziel es war, im Bereich der Produktion und Wiedergabe von Tonfilmen zu investieren. Nur 4 Monate später debütierte das neue Vitaphone-System mit den 12a und 13a Hörnern zusammen bei der Premiere von Don Juan. In der Hauptrolle John Barrymore im Warner's Theatre in New York City. Der Premierenfilm wurde ein Flop, das Vitaphone-System ein Hit. Quinn Martin schrieb in der New York World:  „You may have the ,Don Juan.‘ Leave me the Vitaphone.“ Das mag im Übrigen auch daran liegen, dass die Stimmen noch nicht synchronisiert waren, was eben erst beim Jazz Singer der Fall war. Falls Sie sich im Übrigen fragen sollten, warum auf manchen WE-Hörnern dieser Ära „Loud speaking telephone“ steht – die Mutterfirma Western Electric stellte im Hauptgeschäft Telefone her und installierte Leitungen für die Telekommunikation in ganz Nordamerika.

Allerdings wurden nur recht wenige 12a- und 13a-Kombinationen installiert. Warum? Die Hörner waren extrem aufwendig zu bauen und wurden von der Victor Talking Machine Company zugeliefert, die für ihre Grammophone berühmt war. Also wurden sie nach etwa einem Jahr von den wesentlich günstigeren 15a und 16a abgelöst, die WE selbst herstellte. Zur Veranschaulichung: Das 15a kostete nur 17% eines 13a. Neben der Kollaboration mit Warner Bros. gründete Western Electric mit Electrical Research Products, Inc. (ERPI) eine Unterfirma, die ihre nicht-telefonischen Interessen übernehmen sollte. ERPI entwickelte und vertrieb Geräte für Aufnahmestudios sowie komplette Audio-Installationen für die großen Hollywood-Studios, die häufig zusätzlich auch  Kinos betrieben. Allerdings stellte sich heraus, dass Western Electric besser darin war, das Equipment herzustellen, als für dessen Service zu sorgen, und so gab ERPI das Kino-Business bereits 1937 wieder auf, nachdem sie bis 1936 sämtliche Kinos ausgerüstet hatte. Die Firma produzierte aber noch bis 1956 Studioequipment, was man im Ab­spann vieler Filme der goldenen Hollywood-Ära ablesen kann: „Sound by Western Electric.“ 12a und 13a wurden nur ungefähr ein Jahr lang zusammmen eingesetzt, bevor die viel billigeren 15a und 16a „übernahmen“. Die Einbauanleitungen dieser Leasing-Hörner legten nahe, dass sie zerstört werden sollten, um jede nicht autorisierte Benutzung zu vermeiden. Dennoch scheinen einige wenige überlebt zu haben.

2012 entschied sich Tim Gurney endgültig, das Projekt 12a / 13a angehen zu wollen. Die beiden Hörner wurden zwar zusammen in großen Kinos eingesetzt, können aber auch einzeln betrieben werden. Waren Stimmen in einem Film dominant, wurde nur das 12a benutzt, stand Musik im Vordergrund, das 13a. Bei einer Mischung aus beidem ließ man 12 und 13a zusammen spielen. Da die Hörner bis auf die Horn-Treiber-Adapter, auf die ich noch kommen werde, aus Holz bestehen, ist neben der Machart, der Sorgfalt und Liebe bei der Herstellung natürlich die Wahl des passenden Holzes ganz entscheidend für das klangliche Ergebnis. Es macht aus Gurneys Sicht keinen Sinn, bei so einer Unternehmung irgendwelche Kompromisse einzugehen. Also hat er US-Bibliotheken besucht und Bücher gewälzt: Wer waren die Holz-Lieferanten von Western Electric Mitte der 20er-Jahre? Wo wurde viel Holz abgebaut? Durch diese aufwendige Recherche engte sich der Radius immer mehr ein, bis er sich sicher war, die Region entdeckt zu haben, aus der auch damals das Holz für die Hörner stammte. 90 Jahre altes, gut abgelagertes Holz aus der Ära selbst zu finden, ist praktisch ausgeschlossen. Aber nun konnte er dem Material von damals so nahe wie eben heute möglich kommen. Selbstredend gibt er seine Quelle nicht preis. Wer eine eigene Recherche aufnehmen will, mag zum gleichen Ergebnis kommen. Es handelt sich, das lässt sich sagen, um Holz aus dem Nordosten der USA, wo ein extremes Klima mit heißen Sommern und extrem kalten Wintern herrscht, wodurch das Holz eine größere Dichte aufweist. Es wird nach seinen Wünschen geschnitten und vorgetrocknet. Die finale Trocknung erfährt es dann in seinem eigenen Holzlager. Um die fertigen Hörner endgültig daran zu hindern, sich zu verziehen, lackiert und versiegelt er sie ganz traditionell mit einer bestimmten Tinktur, die der originalen sehr nahe kommt. Davor jedoch steht ein extrem aufwendiger Arbeitsprozess, in dessen Kern er versucht, sich in die handwerkliche Arbeit der 20er- Jahre hinein zu projizieren, um den Prozess und das fertige Produkt so authentisch wie möglich gestalten zu können. Das WE 12a ist zwar leichter zu bauen als das 13a, leicht ist seine Herstellung deswegen noch lange nicht. Es besteht aus ca. 170 Teilen, das 13a aus weit über 200! Doch der Mann kann das große Ganze handeln, weil er auch noch die kleins­ten Details versteht. Ein Beispiel: Die erhältlichen Nachbauten der Hornflansche für die Montage des Druckkammertreibers an den Hornhals bestanden praktisch alle aus Messing. Das wurde original so nicht gemacht. Messing ist außerdem teuer und nicht so gut zu bearbeiten. Also hat er einen Originalflansch analysieren lassen und herausgefunden, dass der aus Gusseisen gefertigt wurde. Das wiederum verlangt in der Herstellung große Hitze und einen bestimmten Sand ohne harzige Zusätze. Messing wird nur am Ende in Form einer einzigen Schraube verwendet. Als gäbe es der Schwierigkeiten nicht genug, existierten auch keine verfügbaren Baupläne für diese Hörner mehr, sodass Gurney durch persönliche Kontakte asiatische Sammler überzeugen musste, die Hörner komplett auszumessen und ihm die Ergebnisse zur Verfügung zu stellen: wieder keine Arbeit, die mal eben so an einem Nachmittag erledigt wird. Das erste 12a Horn ging er schließlich 2013 an. Gurney hat eine ganz eigene Arbeitsmethode: Er generiert eine Organisationsstruktur im Kopf, die der bei einem Bootsbau ähnelt, und beginnt erst, wenn er den kompletten Bau visualisieren kann. Dadurch muss er während des Arbeits­prozesses nicht mehr ständig nachschauen, sondern kann die Arbeit vergleichsweise zügig bewältigen. Trotz seiner großen Erfahrung mit Holz war Gurney während dieser Premiere nervös, denn kaum zwei Brettchen gleichen sich, sie gekurvt, konvex oder konkav und am Ende muss das Horn ja fugenfrei zusammenpassen. Außerdem war nicht klar, wie das Endergebnis klingen würde. Doch sämtliche Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet, ein echtes Hochgefühl durchströmte ihn. Die ganze Arbeit, die Recherchen, die Beschaffung von originalen Werkzeugen, möglichst originalem Holz, Adaptern und vielem mehr zahlte sich mehr als aus: Was für ein entspannter, natürlicher Klang stellte sich ein. Ein Ergebnis, das ich selbst nachvollziehen durfte, nachdem auch das zweite Horn fertig gebaut war. Wie eingangs schon beschrieben, ist das eine Art „Baden in Musik“. Der Klang scheint nicht erzeugt zu werden, es ist, als ob er direkt im Raum, in diesem Moment entstünde. Die üblichen HiFi-Kriterien greifen hier nicht. Und doch klingt so ein Hornsystem nicht romantisch oder antiquiert. Das ultraschnelle Ansprechen der Feldspulentreiber kann so ein Horn fast ohne Resonanzspitzen durchreichen. Diese Schnelligkeit und Dynamik, verbunden mit hoher Verzerrungsarmut und einer großen, unfassbar organischen Darstellung machen so ein Horn zu etwas ganz Besonderem. Joe Roberts schreibt: „Das System spielt nicht von 20 Hz bis 20 kHz, kann also kein „High Fidelity“ sein. Aber was die reine Tonalität betrifft, das Timbre von Instrumenten und Stimmen, die dynamischen Umfänge einzelner Noten und die unberührbare und nicht vermittelbare Magie musikalischer Stimmigkeit und subjektivem Realismus, waren 12a und 13a eine echte Lektion für mich.“

Wieder ein 13a-Horn im endgültigen Zustand. Ehrlich gesagt bezweifle ich, dass die Hörner im Original so gut gebaut waren
Parade der ebenfalls nach Originalspezifikation gefertigten Messingteile, die zur Montage der WE 555- Feldspulen-Kompressionstreiber benötigt werden
Es ist vollbracht: der perfekte Nachbau eines Western Electric 13a Kinohorns in all seiner zeitlosen Schönheit. Viele Wochen Handarbeit und noch mehr Vorarbeit sind nötig, um so etwas zu realisieren. Ein praktisch surrealer Traum ist damit Realität geworden

Kein Wunder, dass Gurney genau so etwas haben wollte. Kein Wunder, dass ich auch davon träume, so etwas zu besitzen. Jeder Musikfreund sollte einmal in seinem Leben so ein perfekt abgestimmtes System gehört haben. Es könnte sein, dass sein audiophiles Leben eine Wendung nimmt. Dank der positiv Verrückten vom Schlage eines Timothy Gurney können auch heutige Hörer nun diesen Weg beschreiten.

Christian Bayer